Deep Space @ Magazin für Architektur und Stadt Marlowes

Das Tal der Gefallenen ist eine große Gedenkstätte, die in der Nähe Madrids auf Initiative des Diktators Francisco Franco errichtet wurde. Sie ist den Gefallenen des Spanischen Bürgerkriegs gewidmet.

Deep Space

Das Tal der Gefallenen ist eine große Gedenkstätte, die in der Nähe Madrids auf Initiative des Diktators Francisco Franco errichtet wurde. Sie ist den Gefallenen des Spanischen Bürgerkriegs gewidmet. Im Rahmen der Projekts „Deep Space“ wird vorgeschlagen, das Monument mit digitalen Mitteln zu transformieren – zunächst, ohne es physisch anzutasten, da dies langwierige Prozesse benötigen würde.

„Deep Space“ ist ein langfristig angelegtes Forschungsprojekt, das sich Erinnerungsräumen, Erinnerungspolitik und umstrittenen Gedenkstätten im digitalen Zeitalter zuwendet. Es sucht nach Methoden und Wegen eines Umgangs mit umstrittenen Orten. Kreative Prozesse und digitale Werkzeuge spielen dabei eine wesentliche Rolle. „Deep Space“ ist ein Projekt von Hybrid Space Lab.

Tal der Gefallenen

Das Tal der Gefallenen (Valle de los Caídos) ist eine der am meisten umstrittenen Gedenkstätten der Welt. Sein 152 Meter hohes Kreuz ist bis zu einer Entfernung von 30 Kilometern zu sehen. Die „Basilika“, eine Krypta von 262 Metern Länge und einer 42 Meter hohen Kuppel, wurde aus einem Granitfelsen geschlagen. Sie läuft auf einem großen Vorplatz aus, der einen überaus reizvollen Ausblick auf die Landschaft gewährt.
Die Anlage wurde zwischen 1940 und 1959 erbaut, zum Teil in Zwangsarbeit republikanischer Häftlinge. Zusammen mit den sterblichen Überresten von 33.000 Gefallenen beider verfeindeter Lager des Konflikts (die aus Massengräbern überall im Land herbeigeschafft wurden), ist am prominentesten Punkt der Basilika die Grabstelle Francos platziert – gleich neben der des Falange-Führers José Antonio Primo de Rivera.
Man erreicht die Gedenkstätte des Tals der Gefallenen über Straßen und Wege, die in einer Art Pilgerlandschaft angelegt sind und sich in eine breit angelegte, durchkomponierte Landschaftsgestaltung einfügen – auf einem Gelände, das immer noch Reste der Unterkünfte für Kriegsgefangene birgt.

Umstrittene Gedenkstätte

In den letzten Jahren hat sich in der spanischen Politik und Gesellschaft der öffentliche Diskurs über die Veränderungen, die man im Tal der Gefallenen vornehmen sollte, intensiviert. Dies wurde bestärkt durch die von der spanischen Regierung im Jahr 2018 getroffene Entscheidung, die Überreste Francos zu exhumieren. Dies allein würde jedoch, wenn das gesamte Mahnmal ansonsten unangetastet bleibt, lediglich einen Kenotaph schaffen: eine leere Grabstätte für den Diktator.

Deswegen ist es dringend notwendig, das Narrativ dieses Ortes zu verändern. Erst recht, wenn man bedenkt, dass es sich weiterhin um ein rege genutztes Monument handelt: Jeden Vormittag um elf Uhr zelebrieren die Benediktinermönche, die die Stätte verwalten, am Grab Francos (und ihm zu Ehren) eine Messe; ebenso ist der Ort eine Pilgerstätte für heutige Franco-Nostalgiker der extremen Rechten.

Trotz des öffentlichen Diskurses scheint angesichts der Kontroversen und historischen Wunden eine Aussöhnung im Zuge eines kollektiven Erinnerns in weiter Ferne. So hat es bisher keinen kreativ-künstlerischen Ansatz gegeben, der neue Möglichkeiten und Wege zur Umwandlung und Neuinterpretation des Valle de los Caídos erkundet hat.

Hier setzt das Projekt „Deep Space“ an. Im Oktober 2018 organisierten wir (Hybrid Space Lab) in Madrid den Workshop „Deep Space: Re-signifying Valle de los Caídos“, in dem erkundet wurde, wie das franquistische Monument umgestaltet und einer Neubestimmung zugeführt werden kann. Der internationale und interdisziplinäre Workshop untersuchte das Potenzial kreativer Formate und Methoden sowie digitaler Mittel beim Umgang mit historischem Erbe. Gesucht wurden Ideen und Prozesse, die bei der Überwindung von Konflikten und der Umwandlung der symbolischen Kraft des Ortes dienlich sein können, wobei der Fokus auf künstlerischen,  architektonischen, landschaftsgestalterischen und medialen Zugängen lag.

Der Workshop brachte spanische und internationale Experten wie Architekten, Landschaftsgestalter, Designer, Künstler und Kuratoren mit Historikern, Kulturwissenschaftlern, Kunsthistorikern, Politikwissenschaftlern, Ethnologen, forensischen Archäologen, Psychologen und Psychiatern zusammen.

Der Blick von außen

Der Workshop schöpfte sein Potenzial aus der Außenperspektive, um eine neue Sicht auf eine scheinbar unauflösbare Konfliktsituation zu bringen, wie sie sich auch in anderen Fällen als hilfreich erwiesen hat. So hat etwa der amerikanische Historiker Robert Paxton in seinen Untersuchungen zum Vichy-Frankreich belegt, wie die französische Pétain-Regierung ihre eigene autoritäre und rassistische Politik (ganz auf der ideologischen Linie Hitlers) verfolgte.

Auch Filme können Geschehnisse so filtern, dass die Betrachter Distanz gewinnen. Der mehr als neunstündige und berühmt gewordene Dokumentarfilm „Shoa“ des französischen Journalisten und Filmemachers Claude Lanzmann von 1985 markierte den Beginn der Debatte über die an den verschiedenen Schauplätzen des Holocausts in Polen verübten Verbrechen. In Polen wurde er hingegen als Vorwurf der Mittäterschaft am nationalsozialistischen Völkermord verstanden. Zur niederländischen Kolonialgeschichte in Indonesien wies der schweizerisch-niederländische Historiker Remy Limpach bemerkenswert auf das fürchterliche Ausmaß und die Tragweite der niederländischen Kriegsverbrechen hin und unterhöhlte auf diese Weise die offiziell überlieferte historische Darstellung des Kolonialismus in den Niederlanden.

Mit solchen wegweisenden geschichtswissenschaftlichen Präzedenzfällen ließ sich im Workshop zeigen, dass die lokale Geschichte schmerzhaft sein kann, und dass eine Vielfalt von Perspektiven – unter Beteiligung von lokalen sowie von außen kommenden Ansichten – zu einem integrativen Ergebnis beitragen kann.

Auf dem Weg zu einem polyphonen Monument

Als Ergänzung zur allgemeinen öffentlichen Debatte, die sich vor allem auf die Frage nach dem geeignetsten Ort für die Überreste von Francisco Franco und José Antonio Primo der Rivera richtet, konzentrierte sich der Workshop auf die größtenteils anonymen Gefallenen sowie auf die Verurteilten, die die Felsbrocken schleppen mussten.

Die Informationen, die gedruckt, online und am Ort des Mahnmals zugänglich sind, sagen nichts zum Schicksal der Kriegsgefangenen, die zur Arbeit an diesem Bauwerk gezwungen wurden, geschweige denn zu dem ihre Familien, die in nahegelegenen Baracken des Tals lebten. Auch bleibt die Tatsache unerwähnt, dass sterbliche Überreste gefallener Republikaner aus Massengräbern aus dem ganzen Land ins Tal der Gefallenen überführt wurden, ohne dass ihre Familien davon wussten. Das ist deswegen überaus problematisch, da jedwedem Prozess der Versöhnung eine vollständige Anerkennung der Tatsachen vorausgehen muss. Die Dokumentation und Verbreitung der Baugeschichte des Valle de los Caídos würde es zu einem Zeugnis des Totalitarismus und zu einem fassbaren Beweis für seinen autoritären Charakter, also zu einem Mahnmal, machen.

Eine Annäherung, die die Stimmen der republikanischen Seite, der Opfer einbezieht, entspricht der gegenwärtigen Suche nach alternativen Erzählungen und Geschichtsschreibungen. Sie folgt der allgemeinen Forderung nach einer inklusiven historischen Erzählung und entspricht dem aktuellen Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung, die sowohl Stimmen nationaler Befreiung im Kontext postkolonialer Prozesse sowie bereichernde Perspektiven seitens der Genderstudies und LGBTI einzubeziehen versucht.

Hybrid Tools

Da digitale Werkzeuge eine dezentralisierte und in der Form ko-kreativer Bottom-up-Initiativen auch demokratisierte Verarbeitung von Informationen ermöglichen, erleben wir eine wahre Explosion des Interesses am Erinnern und seinen vielschichtigen Dimensionen. Die Machtbeziehungen, die dem Schreiben des kollektiven Gedächtnisses innewohnen, werden schwächer und verschwommener. Der digitale Wandel macht es nun möglich, eine Vielfalt unterschiedlicher Stimmen wahrzunehmen, die sich zu alternativen Erzählungen fügen können. Das impliziert, dass sich das Erarbeiten von Erinnerung zu einer verwobenen hybriden – physischen und digitalen – Praxis wandelt, deren Akteure sich zunehmend heterogen zusammensetzen.

Der Workshop legte einen besonderen Schwerpunkt auf die Möglichkeiten, mit digitalen Werkzeugen Informationen über dieses Monument zu bündeln und seine Transformation zu unterstützen, ohne dabei physische Eingriffe vorzunehmen. (1) Solche hybriden technologischen Werkzeuge, die das Physische mit dem Digitalen verbinden, können die Umwandlung eines Monuments zu unterstützen, ohne physisch einzugreifen. Mit Virtual und Augmented Reality, ließe sich etwa das digitale Umfeld des Valle de los Caídos um die archäologischen Reste der Baracken erweitern, in denen die Zwangsarbeiter während der Bauphase des Monuments wohnen mussten.

Andere Tools könnten Datenbanken und Archive enthalten, die für die akademische oder öffentliche Nutzung miteinander vernetzt sind, es können Tonaufnahmen von wichtigen Zeitzeugen sowie interaktive Bildungsplattformen bereitgestellt werden. Es ließe sich so ein Diskurs unterstützen, aus dem Vorschläge für die längerfristige, dann physische Umwandlung des Ortes hervorgehen. Interdisziplinäre und gemeinschaftliche Bottom-up-Beiträge, die sich der düsteren Geschichte des Monuments widmen, könnten in einem Archiv Platz finden und zugänglich werden. Dies würde den Dialog fördern und mit einem polyphonen Netz demokratisch erhobener Stimmen einen Ausgleich zum totalitären Narrativ des Ortes bilden. Der Umgang mit dem kulturellen Erbe und die Erinnerungskonstruktion ließe sich in größeren Zeiträumen und weiteren räumlichen Bezügen vorstellen.

Die im Workshop erarbeiteten Vorschläge werden nun weiter vertieft werden und in Gesprächen mit Verantwortlichen und Wissenschaftlern geprüft, ob und wie eine Umsetzung möglich ist. Das wird nicht einfach sein, da ein solches Vorgehen auch Gegner hat, die sich über digitale Medien ebenfalls gut vernetzen und intervenieren können. Wir setzen aber darauf, dass die Strategie, das Monument zu transformieren, ohne es physisch zu verändern, überzeugen kann. Würden die unsichtbaren Schichten des Ortes erlebbar werden, könnte das einen Weg von der Anerkennung zur Aussöhnung ebnen. Auch in der weiteren Behandlung sollte dem Blick von außen eine maßgebliche Rolle eingeräumt werden, um die
konfliktreiche historisch-politische Kontroverse zu durchbrechen und neuen Perspektiven für
die Zukunft von konfliktbeladenen Monumenten zu öffnen. Vergessen wir nicht, wie sehr die Bundesrepublik Deutschland von diesen Blicken von außen profitiert hat.

(1) Unter die digitalen Technologien fallen
– Augmented Reality (die physische Realität wird mit Hilfe von computergenerierter wahrnehmbarer Information angereichert)
– Virtual Reality (eine interaktive computergenerierte Erfahrung, die sich in einem simulierten Umfeld abspielt)
– Mixed oder Hybrid Reality (eine Zusammenführung realer und virtueller Welten, um neue Umgebungen und Visualisierungen zu erzeugen, in denen physische und digitale Elemente koexistieren und -agieren) sowie die
– Augmented Virtuality (eine interaktive Erfahrung eines realweltlichen Umfelds, in dem die darin befindlichen Objekte mit Hilfe von computergenerierter Wahrnehmungsinformation angereichert sind)