Embassy Lab GRÜNtopia Presse Tagesspiegel

Städte
Werden
Grüner

Im Jüdischen Museum ist man mitten-drin im Thema: Wie holt man das Grün in die Städte zurück, nachdem immer mehr Freiflächen verschwunden sind, weil sie Neubauten weichen mussten? Die „Gärten der Diaspora“ in der W. Michael Blumenthal Akademie sind eine mögliche Antwort auf diese Frage: Wenn die Natur-räume in der Stadt zurückgehen, holt man die Natur in die Räume hinein. Die Gärten der Diaspora sind eines von zahlreichen Beispielen aus dem Buch „Garden City: Supergreen Buildings, Urban Skyscapes and the New Planted Space“. Herausgegeben hat es Anna Yudina, Mitglied der Kooperative A 1 0 New European Architecture. Neben anderen internationalen Experten war sie jetzt zu Gast bei der Veranstaltung „Embassy Lab GRÜNtopia“ in der niederländischen Botschaft. Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar vom „Hybrid Space Lab“ hatten zur Veranstaltung geladen, die in das internationale Festival „MakeCity“ eingebettet ist, das noch bis zum 1. Juli an verschiedenen Orten in Berlin stattfindet.

Unsere Städte werden immer mehr verdichtet. Wie man die Natur zurückholen kann

Der asphaltierte Innenhof der Botschaft hatte sich pünktlich zum Start von „MakeCity“ in einen „Pop up Park“ verwandelt und damit anschaulich demonstriert, wie einfach es sein kann, Innenstädte zu begrünen. Jeder Fleck Rasen im Hinterhof, jedes Blümchen auf dem Balkon und jeder Straßenbaum verbessern das Klima und fördern das Wohlbefinden. „Der Mensch hat ein natürliches Bedürfnis, in der Natur zu leben“, sagt Tanja van der Knoop, Gründerin der Non-Profit-Organisation Green City Buzz in Amsterdam. „Niemand sagt, wir wollen mehr Gebäude, alle wollen mehr Grün in den Städten.“ Van der Knoop spendiert Städten dieses Grün. Sie pflanzt Blumen an Gehwegen, und seien sie noch so schmal. „Über-all ist Platz für ein paar Pflanzen“, ist sie sich sicher. „Und wo Stauden sind, da sind auch Schmetterlinge und Bienen. Da ist Leben.“ Aber brauchen wir diese Maßnahmen in den Innenstädten? Alle Redner waren sich einig: unbedingt. Denn die Lage ist ernst. Wir leben im urbanen Zeitalter, immer mehr Menschen ziehen in die Städte, immer mehr Wohnraum wird benötigt. Doch mit jedem Haus, das gebaut wird, verschwindet eine Freifläche. Und je weniger öffentliche Brachen existieren, desto schlechter wird das Klima. Aufgrund der zahlreichen asphaltierten Flächen und der vielen Fassaden mit ihren großen Oberflächen kommt es vermehrt zum sogenannten „Städtische Wärmeinsel“ Effekt: Städte weisen im Vergleich zum Umland eine deutlich höhere Durchschnittstemperatur auf. Der Klimawandel verstärkt das Phänomen zusätzlich. Hinzu kommt, dass durch die Zerstückelung von Lebensräumen und den Einsatz von Pestiziden die biologische Vielfalt ab-nimmt; die Zahl der Insekten ist bereits um 75 Prozent zurückgegangen. Besonders betroffen davon sind Megacitys wie Shanghai oder Shenzhen. Aber auch in Deutschland sei es an der Zeit, Lösungen zu entwickeln, sagt Elizabeth Sikiaridi. „Selbst Berlin ist seit der voranschreiten-den Verdichtung nicht mehr die grüne Stadt, die es lange war.“ Umdenken tut not. Die Ingenieure sind gefordert, Pflanzen in die Gebäude zu integrieren. Wie das geht, zeigt Yudina an-hand zahlreicher Beispiele aus der gan-zen Welt. Eines der beeindruckendsten sind die begrünten Zwillingstürme „Bosco Verticale“ (Vertikaler Wald) in Mailand. Etwa 900 Bäume, jeder bei der Pflanzung bereits bis zu neun Meter hoch, sowie mehr als 2000 weitere Pflanzen wurden auf die Terrassen und Balkone der Hochhäuser gepflanzt. Ein anderes ambitioniertes Projekt be-findet sich noch in der Planung: die „Lowline“ im New Yorker Stadtteil Manhattan. In einem Areal rund um eine nicht mehr genutzte Straßenbahn-Endstation wollen der ehemalige Nasa-Ingenieur James Ramsey und sein Partner Dan Barasch den weltweit ersten unterirdischen Park anlegen. Sie greifen dafür auf eine Technik aus Korea zurück, die es ermöglicht, Sonnenlicht in die Tiefe zu leiten. Ohne diese Lichtquelle könnte keine Pflanze in der Tiefe überleben. 2020 soll der Park eröffnen. Das Projekt „Lowline“ zeigt, dass neue Technologien helfen, Städte grüner und damit lebenswerter zu machen. Allerdings, sagt Sven Stimac, der die kommende internationale Gartenschau „Floriade“ im niederländischen Almere konzipiert, müsse man sich auch Gedanken darüber machen, ob Hightech möglicher-weise negative Auswirkungen auf die Zukunft habe. Manchmal sei ein „zurück zu den Wurzeln“ daher der bessere Weg, etwa Häuser aus Stroh und Lehm. „Die Wahrheit liegt in der Mitte“, sagt Stimac, in der Kombination aus High- und Lowtech: Man könne das Dach eines hochmodernen Hauses zum Beispiel mit der uralten Pflanze Sedum begrünen. Ebenso kann man aber auch die Dächer oder Fassaden bestehender Gebäude be-pflanzen. Wichtig ist dabei in jedem Fall, die richtige, möglichst heimische Pflanzenart auszusuchen. Aber noch mehr ist möglich – und laut Wouter Vos vom niederländischen Beratungsunternehmen KuiperCompagnons auch nötig: der Anbau von Obst und Gemüse. Vor allem in Megastädten gäbe es keine Alternative mehr zur urbanen Landwirtschaft, also der Lebensmittelproduktion in der Stadt, sagt er. Wie das aussehen kann, zeigte Vos gestern anhand seines aktuellen Projektes in Singapur: Schon Ende kommenden Jahres sollen in einem Stockwerk eines Lagerhauses mi-ten in der Innenstadt Kräuter, Gemüse und Früchte geerntet werden.
Von Sabine Hölper