Design Zone

Artikel

Die spezielle Edition Kunst der Berliner Tageszeitung DER TAGESSPIEGEL Kunst 2016, die wahrend der 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst erscheint, veröffentlicht einen Artikel von Bettina Homann, einem Interview über den Projekten Humboldt Volcano und Humboldt Dschungel.

Interview
Bettina Homann
DER TAGESSPIEGEL
Kunst 2016

@ DER TAGESSPIEGEL
Berlin

Ausweitung der Designzone

Kampf der Langeweile:
Mit dem „Humboldt Volcano“ wollen Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar vom Hybrid Space Lab die Fassade des Humboldt-Forums in einen lebendigen Organismus verwandeln.

Designer sind Spezialisten, wenn es darum geht, um die Ecke zu denken und neue Wege zu beschreiten. Doch je komplexer die Welt, desto komplexer wird auch der Beruf. Uber die Rolle vom Gestaltern in Zeiten der Krise.

„Das Project ist realistisch und unrealistisch zugleich“

Frans Vogelaar sitzt an seinem Laptop im großen, hellen Atelier an der Köpenicker Straße und erklärt voller Begeisterung den „Humboldt Volcano“. Die Renderings auf dem Bildschirm zeigen das neuste Project des Hybrid Space Labs, das Vogelaar zusammen mit seiner Partnerin Elisabeth Sikiaridi betreibt. Es handelt sich um eine Art Anbau, der sich wie eine begehbare Installation aus übereinandergestapelten Plattformen an der Fassade des Humboldt-Forums hinaufrankt. In der Konstruktion, auf der Bäume aus aller Welt wachsen, sollen verschiedene Restaurants untergebracht werden. Der Entwurf basiert auf der Zeichnung eines Vulkans, die Alexander von Humboldt auf seiner Reisen machte. „Das wird wohl nicht realisiert werden“, sagt Vogelaar und lacht. Es scheint ihn nicht weiter zu frustrieren.

Die Griechin und der Holländer sind Designer, Architekten und Professoren – er unterrichtet an der Kunsthochschule für Medien in Köln, sie an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Bereits vor 30 Jahren gründeten sie das Hybrid Space Lab, um die Grenzbereiche des design zu erforschen. Heute nennt sich vieles „Lab“ und „hybrid“ damals war das visionär. „Hybrid“, erklärt Sikiaridi, stand anfangs für analog und digital und ist inzwischen Strategie. „Die aufgaben von design seien komplexer geworden, sind die beiden überzeugt. „Heute geht es weniger um Objecte als um Prozesse“, so Sikiaridi. Und darum, auf die zahlreichen Entwickelungen in der Welt – und Krisen – zu reagieren.

In den letzten Jahren ist die Flut an Informationen, die wir zu bewältigen haben, immer großer geworden, Entscheidungen müssen schneller getroffen werden. Politische, ökonomische und ökologische Systeme sind instabil. Der Ausverkauf der Städte an internationale Investoren verknappt den Lebensraum. Hier können Designer als Vermittler fungieren. „Wir sind Spezialisten für kreative Prozesse“ sagt Sikiaridi. Das ist von klassischen Industriedesign weit entfernt. „Industriedesign hat mit Planbarkeit zu tun, da müssen wir heute völlig umdenken“, so die Designerin, die in Paris und Darmstadt Architektur studiert und später bei Günter Behnisch gearbeitet hat. „Unsere Gestaltungsaufgabe besteht heute darin, Netzwerke aufzubauen, Akteure mitzunehmen, Vorstellungen zu öffnen. „Zum Beispiel die Vorstellung von einer Gestaltung und Nutzung des städtische Raumes, die nicht einfach von oben verordnet wird, sondern gewissermaßen organisch wachsen kann.

So wie der Humboldt-Dschungel, das erste Projekt das Sikiaridi und Vogelaar für das Humboldt-Forum entwickelt haben, ein vertikaler tropische Garten für die Fassade des rekonstruierten Stadtschlosses. „Es geht hier nicht einfache um Fassadenbegrünung“, erklärt Vogelaar. „Die steinerne Fassade des Humboldt-Forums wird zu 97 Prozent durch Roboter hergestellt, sie wird somit tödlich langweilig wirken. Berlin möchte Weltstadt werden, das Forum ist von Anspruch her vergleichbar mit dem British Museum und dem Centre Pompidou. Was hier geplant ist – ein Raum für Globalen Austausch – ist eigentlich spannend, aber das Gehäuse ist eine Katastrophe!“

Der vertikale Dschungel hätte symbolische Bedeutung an diesem geschichtsträchtigen Ort, er stünde für organischen Neuanfang, dafür, Gras wachsen zu lassen über die Vergangenheit, und würde zum Namensgeber und Forschungsreisenden Humboldt passen. Außerdem hatte er den ganz praktischen Nutzen, im Sommer an einem der heißeste Orte der Stadt für Kühlung zu sorgen. „Das Project ist realistisch und unrealistisch zugleich“ sagt Vogelaar. „Es ist machbar, aber wenn die Verantwortlichen es nicht wollen, wird es nicht gemacht.“