
Das Projektteam Humboldt Dschungel: Uta Belkius, Hybrid Space Lab (Prof. Elizabeth Sikiaridi, Prof. Frans Vogelaar) und Notker Schweikhardt lud Berliner ExpertInnen ein, von der Kulturpolitischen Gesellschaft, der Architektenkammer, dem Bund der Landschaftsarchitekten bis hin zum WWF und verschiedenen Stiftungen, um das Projekt Humboldt Dschungel – die (temporäre) Begrünung der Fassade des
Humboldt Forums – zu diskutieren und zu befördern.
Durch den Abend führte Andreas Krüger von der Belius Stiftung, die das Vorhaben auch unterstützt.
Für die besondere, kreative Atmosphäre sorgte unser Gastgeber Juerg Judin, Berliner Galerist und Sammler, der uns in seiner wunderbar ausgebauten Alten Tankstelle in Berlin Schöneberg empfing und köstlich bewirtete.
Vortrag von Prof. Elizabeth Sikiaridi und Prof. Frans Vogelaar @ GRÜN.kulturell, Alte Tankstelle, Berlin, 29. Januar 2016
Die markante Architektur stammt aus dem Jahr 1956: Einst eine Shell-Tankstelle im modernen Nachkriegsdesign, wurde ihr Umbau zu einem Wohn- und Ateliergebäude 2009 mit einem Architekturpreis ausgezeichnet.
Im Jahr 2022 wurde die architektonische Ikone aus den 1950er Jahren dann zum Kleinen Grosz-Museum umgestaltet – einem Ort, der dem kritischen Geist und Werk des Berliner Künstlers George Grosz gewidmet ist. Nach seiner Schließung Ende 2024 wurde es renoviert und zu dem Mehrzweckraum umgestaltet, der es heute ist. Das Design bewahrt historische Elemente und verbindet sie mit urbanem Flair: Ein Garten mit Bambus, Kiefern und einem Koiteich lädt Besucher dazu ein, inne zu halten und nachzudenken – mitten im Herzen des geschäftigen Schönebergs.
Hinter dem Projekt steht der Schweizer Galerist Jürg Judin, der das Gelände 2005 erwarb und es seitdem mit einer kreativen Vision neu gestaltet hat. Das Kleines Grosz Museum war bereits seine Initiative. Mit dem neuen Konzept knüpft er an die Geschichte an und eröffnet gleichzeitig neue Horizonte: Die Tankstelle soll nicht nur ein Ausstellungsraum sein, sondern auch ein sozialer und kultureller Treffpunkt.
GRÜN.kulturell 22
Kultur trifft Politik: Analysen, Ideen, Konzepte
ExpertInnen-Dinner
Freitag, 29.1.2016 von 18.00-23.30 Uhr
Humboldt Dschungel
Grün statt Rohbau – Wie ein Dschungel die Fassade des Humboldt Forums retten könnte
Christoph Heinrich, World Wide Found for Nature WWF Deutschland „Alexander von Humboldt und die Rettung des Amazonasdschungels“.
Der WWF setzt sich weltweit für die wichtigsten Ökosysteme ein: für die tropischen Wälder Südamerikas, Afrikas, Asiens, die temperierten Wälder Europas und die Meeresregionen Asiens.
Der Amazonaswald ist das wichtigste Ökosystem und der größte Kohlenstoffspeicher der Erde, durchzogen vom größten Fluss beherbergt er die meisten Arten und hat enormen Einfluss auf das Weltklima.
Der Mann, der dieses Naturwunder Südamerikas der ganzen Welt zum ersten Mal umfassend, spannend und wissenschaftlich erschloss, ist Alexander von Humboldt. Er war Abenteurer, Rekordbergsteiger, Universalgelehrter – der erste Georgraf überhaupt, erfolgreichster Reise- und Wissenschaftsschriftsteller, ein Kämpfer gegen
Sklaverei, humanistischer Verfechter der Menschrechte. Er galt, nicht zuletzt dank seiner wissenschaftlichen Netzwerke, seiner außerordentlichen Korrespondenzen und Publikationen, zu seiner Zeit, neben Napoleon, als der wohl bekannteste Mensch der abendländischen Welt.
Bis heute wirkt er extrem positiv in Lateinamerika als „Botschafter Deutschlands“ und in der Heimat – wenn auch hier in der Öffentlichkeit nicht mehr ganz so präsent–– als beredter Zeuge von Naturphänomenen und Kulturen. Kein Mensch hat seinen Namen für mehr Örtlichkeiten entliehen: 2 Universitäten, unzählige Straßen, 8 Orte, 3 Countys,
3 Nationalparke, 1 Gletscher, 1 Meeresstrom, 3 Gebirge, 2 Meeresbuchten, 19 Tierarten, 17 Pflanzen und Pilze sowie ein Asteroid, ein Krater und das Mare Humboldtianum auf dem Mond…
„Normalerweise muss sich eine Person die Ehre verdienen, dass Orte, Straßen oder eben Gebäude nach ihr benannt werden. Beim Humboldt Forum ist es umgekehrt. Mit dem Umzug der Dahlemer Museen wird aus dem Schloss ein modernes Museum, aber erst ein Humboldt-Dschungel macht daraus ein Humboldt Forum.“
Michael Kuhn, Interpol Studios: Hilldegarden / Der Stadtgarten auf dem Bunker Heiligengeistfeld in Hamburg.
Wir erhielten einen detaillierten Überblick zur Entstehung des Projekts, der Aufstockung und exzessiven „Begrünung“ des unzerstörten WWII Flakturms auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli. Bauherren sind der Investor in Erbpacht (FC Gundlach und Prof. T. Matzen) des derzeit voll vermieteten Gebäudes und eine Stadtteilinitiative, die in einem intensive Workshopverfahren die Konzeption der Begrünung begleitete.
Nutzer sind aus Musik, Kultur und FC Gundlach Fotoarchiv, seit Mitte 2014 läuft ein Beteilligungsverfahren zur Projektentwicklung.
Projektidee ist eine begrünte Pyramide mit gemischter öffentlicher Nutzung (Kulturhalle, Sportclub, Gästehaus, Bunkermuseum, Partizipationsflächen) auf den Bunker aufzusetzen und mit einer begrünten Rampe, dauerhaft öffentlich zugänglich, zu erschließen. Vorbild ist der teilbegrünte Flakturm in Wilhelmsburg.
Prof Elizabeth Sikiaridi & Prof. Frans Vogelaar, Hybrid Space Lab: Der Humboldt Dschungel und seine Potentiale
Das Humboldt Forum ist im Herzen Berlins gelegen, aber noch lange nicht im Herzen der Berlinerinnen und Berliner angekommen. – Das neue Stadtschloss hat seit vielen Jahren, schon lange vor dem ersten Spatenstich, sehr gemischte und nicht nur wohlwollende Reaktionen in der Bevölkerung ausgelöst. Die Berlinerinnen und
Berliner stehen den beachtlichen Ausgaben für den Bau der Immobilie, aber auch einer weiteren repräsentativen Setzung in der Stadt-Mitte sehr kritisch gegenüber. Das Gefühl von Verlust, auch nach den (wenigen) Jahren ohne Bebauung und mit der quasi improvisierten Nutzung durch die Temporäre Kunsthalle samt der umliegenden Freifläche, ist immer noch spürbar. Das Temporäre schafft Identifikation.
Die Grundidee: Vorhandene und bereits jetzt finanzierte Barockfassadenteile werden wie geplant montiert, aber alle noch offenen Flächen bepflanzt und sukzessive – je nach Produktions- und Finanzstand ergänzt. Eine derartige Gestaltung visualisiert nicht nur den interdisziplinären Denkansatz der Gebrüder Humboldt, sie symbolisiert auch die Herkunft der zukünftig beherbergten Sammlungen. Gleichzeitig steht eine grüne Fassade für einen Ort, an dem Stadt und Museum neu gedacht werden.
Die Projekt-Bausteine:
Die Grünfassade wird eine „kuratierte Spielwiese“ mit Pflanzengesellschaften als Repräsentanten der Kulturen der Welt (Beispiele: Polygarden City, Athen und Musée du qay Branly, Paris).
Ein temporärer Dachgarten verbindet am Ort des späteren Dachcafés die Themen Natur, Ernährung und Pflanzen, macht sie kulturell erlebbar und knüpft inhaltlich an die Sammlungen im Humboldt Forum und auf der Museumsinsel an.
Ein Garten-Pavillon-Gewächshaus dient neben der Baustelle, zwischen Spree und Spandauer Straße, als Showroom, Diskursort, Informationspunkt, Gewächshaus und Medienterminal.
Ein „Teil“ dieses Pavillons geht als „Humboldtkoffer aus Berlin“
in Form eines via Internet vernetzten Containers auf Weltreise. „Botschafter“ berichten nach Berlin, live von den Stationen der Reisen Humboldts, während sich „die Welt“ vor Ort, im reisenden Container/Koffer, über den Stand des Projektes in Berlin informiert.
Eine Reihe von Workshops und Symposien begleiten den Humboldt Dschungel thematisch und binden Partner und Akteure der Zivilgesellschaft in den inhaltlichen Findungsprozess ein.
Eine temporäre Projektion auf der Westfassade des werdenden Humboldt Forums schlägt mittels Bildern aus dem Dschungel und korrespondierenden anderen Landschaften sowohl eine Brücke zu den Herkunftskulturen, als auch zu der künftigen Nutzung des Humboldt Forums.
Alle Bausteine stimmen auf den Dschungel ein und erschließen durch diese zusätzliche Schicht oder Ebene den Inhalt neu. Und diese Module verweisen auf ein Forum im wirklichen Sinne der Namensgeber, eines dass größer gedacht wird als ein klassisches „Vitrinen-Museum“.
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