Many to Many

Die Idee, das Prinzip “eins zu viele” in ein “viele zu viele” zu verwandeln, wurde bereits 1970 von Hans Magnus Enzensberger formuliert. Aber was ist heute anders, dass das, was damals nicht erfolgreich war, heute einen haben könnte?

Network Space
Interview
Christian Holl
März 2006

@ Deutsche Bauzeitung
Deutschland

Ein anderer Begriff der in ihrer Arbeit wichtig ist, ist der des Events. Ein Event emotionalisiert Probleme, aber auf eine Weise, die ablenkt, weil sie die Fakten in einer verzerrten Dimension darstellt. Kann man ein Event auch so gestalten, dass es nicht diese Wirkung hat? Oder um noch mal auf das Bild zurückzukommen: Wie kann man einem bildmächtigen Marketing etwas entgegensetzen, ohne die Fehler, die man anderen vorwirft, selbst zu machen?

F.V.: Bei dem Projekt »reBoot« ist ein als Medien-Labor ausgerüstetes Schiff von Köln aus nach Amsterdam gefahren. Eine Woche lang haben sich achtzig Künstler, Musiker, Architekten, Urbanisten, Medien-Kollektive auf dem Schiff mit dem Raum des Flusses, der Häfen entlang der Reise … beschäftigt. An den Häfen, an denen das Schiff andockte, fanden Veranstaltungen wie Konzerte, Führungen, Vorträge und Kunstprojekte statt, die das lokale Publikum und die lokalen Akteure einbezogen. Die Projekte wurden auf lokale Fernsehsender und im Internet gesendet. Gleichzeitig war das Schiff durch Internet-Verbindungen mit einer Anzahl von Räumen, die entlang des Flusses lagen, wie etwa Clubs, verbunden. Es ergaben sich spannende Rückkopplungen zwischen physischem und digitalem Raum. Es entstand ein »hybrider«, »translokaler« Raum, der nicht an einem Ort zu lokalisieren war, sondern Ergebnis der Interaktion und Verbindung aller dieser physischer wie auch medialer Räume war.

E.S.: Wir sehen dies als ein Beispiel eines invertierten Events – also eines Events, das aus dem Konsumenten einen Akteur macht und lokale Kulturen miteinander verbindet.

F.V.: Das ist überhaupt eines unserer Strategien, das Invertieren, die Inversion. Man kann Entwicklungen nicht aufhalten, aber man kann sie invertieren, umstülpen. »Public Media Urban Interfaces« ist eine Umstülpung des Prinzips »one to many«. Man stellt die Teile neu zusammen. Aus »one to many«, dem gängigen System von Medien wie dem Fernsehen, machten wir »many to many«. Es geht darum, Prozesse so zu organisieren, dass etwas anderes daraus entstehen kann. Auch wenn das Ergebnis unvorhersehbar ist: Es reicht, dass es den Modus der gewohnten Anwendung aufbricht. Viele Möglichkeiten werden eröffnet, nicht alle entwickeln sich, manche Optionen werden kaum wahrgenommen, aber sie bleiben bestehen.