Club Futurists

Nur wenige Städte stellen das Nachtleben so sehr in den Mittelpunkt ihrer Identität wie Berlin. Wir wollen Berlin, eines der international richtungsweisenden Zentren der Clubkultur, als das Labor zur Erforschung der Zukunft der Clubwelt etablieren!

Austausch-, Ideations- und öffentliches Prototyping-Programm
2021, 2022

@ AgProp, Hybrid Space Lab, The Catalysts
Berlin

Nur wenige Städte stellen das Nachtleben so sehr in den Mittelpunkt ihrer Identität wie Berlin. Wir wollen Berlin, eines der international richtungsweisenden Zentren der Clubkultur, als das Labor zur Erforschung der Zukunft der Clubwelt etablieren. Denn unbestreitbar ist Clubbing eine bedeutsame kulturelle Praxis unserer Zeit und Berlin hat sich einen Ruf als Vorreiter diesbezüglicher Experimente und Entwicklungen erarbeitet.

Eine Gruppe von Visionär*innen und Netzwerker*innen will mit diesem Programm eine Ideations- und Konzeptions -Phase initiieren und die Club- und Kulturszene zur offenen Teilnahme einladen. Neben der Entwicklung von innovativen Ideen und Konzepten, zielt das Programm darauf ab, Kooperationen zwischen Clubs, Kulturschaffenden, der Kreativ- und Tech-Industrie, sowie Wissenschaft und Kunst anzustoßen, um nachhaltige und inklusive Clubbing-Praktiken zu entwickeln. So sollen Vertreter*innen aus der Berliner und internationalen Clubbing-Szene im Rahmen einer Workshopreihe mit Expert*innen, Visionär*innen und Kreativen aus verschiedensten Bereichen zusammentreffen.

Das Programm befasst sich mit den vielfältigen Dimensionen der Clubkultur und untersucht die Zukunft von Clubs als räumlich-architektonische Veranstaltungsorte, als Kultur-Produzenten aber auch als Dienstleister.

Im Fokus der Betrachtung steht dabei allerdings nicht der zunehmend verbreitete “Status Quo” der Clubs als kommerzielle Veranstaltungsorte. Vielmehr geht es darum die kontinuierliche Transformation der Clubwelt zu untersuchen und über die im Zuge der Corona Situation geforderten Reaktivierungs-Programme hinaus, neue Perspektiven zu entwickeln. Wie kann Clubkultur, ähnlich den Berliner 90er Jahren, von experimentellen, lokalen, sozialen und teilweise auch unkommerziellen Einflüssen profitieren?

Gerade der Pandemie-bedingte Zusammenbruch der klassischen Geschäftsmodelle unserer Clubs scheint, in einem durchaus spürbaren Maße, neue Kollaborationen mit der Kulturszene, Ausstellungen oder auch darstellenden Künsten angestoßen zu haben. Hinzu kommt die Beschleunigung technologischer Entwicklungen wie Konzert-Streamings sowie anderer digitaler Angebote.

Durch die globale Reichweite der digitalen Club Angebote über verschiedene Zeitzonen hinaus, emanzipiert sich das Clubbing von der Nacht. Fahrräder werden als PA und Soundmaschinen umfunktioniert und Parties finden außerhalb der Venues in Parkanlagen, der Stadtperipherie oder gar außerhalb des physischen Raumes, im Virtuellen statt.

All dies lässt sich als Erweiterung klassischer Clubbing- Praktiken verstehen. Die Idee einer über die Musik und das Tanzen hinaus reichenden Club Erfahrung, außerhalb der Club-Wände, außerhalb der Nacht, sogar außerhalb der Stadt weckt die Frage: Wenn Clubs, wie wir sie kannten, der Vergangenheit angehören, wo und in welcher Form werden sich dann neue Konstellationen und Schnittmengen mit anderen Kulturfeldern entwickeln?

Mittels seines explorativen, kreativen und experimentellen Ansatzes entfaltet sich das Club Futurists Programm schrittweise, über eine Reihe von aufeinanderfolgenden und miteinander verzahnten Workshops und Veranstaltungen. So adressiert es relevante Aspekte und Dimensionen der Clubkultur und wirft ein neues Licht auf kommende Herausforderungen.

Da die digitale Transformation auch für die Zukunft der Club-, Event- und Unterhaltungsindustrie zum tiefgreifenden „Game Changer“ wird, erforscht das Programm zunächst das Potenzial hybrider (kombiniert physischer und medialer, Onsite- und Online-) Formate. Die hieraus gewonnen Erkenntnisse zum Hybrid Clubbing fließen in Modelle ein, die neue Perspektiven für die Veranstaltungsorte und die mit ihnen verbundenen Gemeinschaften eröffnen. Dabei sollen Konzepte entstehen, die über die Club-Industrie hinaus auch Akteure aus Kultur, Tourismus und Gastgewerbe sowie Stadtentwicklung einbeziehen. So sollen mögliche Synergien für neue Kooperationen und nachhaltige Modelle für einen innovativen “Club-Fu-Tourismus” entwickelt werden.

Die Ergebnisse jeder einzelnen Projektphase dienen hierbei als Grundlage und Input für die darauffolgenden Programmpunkte. Während das Projekt wächst und sein Untersuchungsfeld ausweitet, werden über unterschiedliche Veranstaltungsformate breitere Akteurskonstellationen in den Prozess einbezogen. Ein wichtiges Anliegen des Programms ist es, die in Berlin entwickelten Methoden, und Ergebnisse zur freien Verfügung zu stellen, und die internationale Kulturszene dazu einzuladen diese Zukunftsszenarien in weiteren Diskursen und entsprechende Experimentieranordnungen zu schärfen.

Im folgenden werden die drei inhaltlich aufeinander aufbauenden Workshops bzw. partizipativen Veranstaltungsformate kurz umrissen:

Hybrid Clubbing: Body Experience and Tech Potential

Die Allgegenwart und die Beschleunigung des Digitalen sowie die damit verbundene Transformation physischer Räume und Erfahrungen zählen zu den offensichtlichsten Folgen der aktuellen Pandemie. Digitale Formate werden sich weiterentwickeln, auch wenn der Lockdown und die mit ihm verbundenen Einschränkungen aufgehoben werden. Wie wird die Clubkultur den digitalen Räumen und Netzwerken Rechnung tragen, die seit einigen Monaten die Rettungsanker des sozialen Lebens sind?

Es geht hierbei nicht um die Frage, ob wir uns in einem überwiegend online geführten Sozialleben wohl fühlen werden. Vielmehr gilt es sinnvolle soziokulturelle Interaktionen so zu gestalten, dass die ersehnte Spontaneität, Reichhaltigkeit und integrative Kraft auch in hybriden (kombiniert – physisch und digital) Formaten gewährleistet wird. In dieser Hybridisierung des Club-Kosmos liegt die Chance, Aspekten der Zugänglichkeit und Inklusion auf mehreren Dimensionen Rechnung zu tragen.

Das Programm erforscht innovative Tech-Lösungen wie Wearables, Gaming-Umgebungen aber auch VR und XR-Anwendungen, die für das Clubbing relevant werden, und entwirft Hypothesen hinsichtlich hybrider (kombinierte physische und digitale) Club-Erfahrungen.

In Anbetracht grundlegender Charakteristika der Clubkultur (Bewegung, Trancezustände, Sexualität, Verspieltheit usw.), die bereits lange vor der digitalen Revolution oder den Clubs selbst existierten, scheint es wichtig, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie man diese Triebkräfte bewahren und gleichzeitig innerhalb neuer Konzepte kanalisieren kann. Können Technologien helfen eine „augmentierte“ Ästhetik und Wahrnehmung zu realisieren, die in einzigartigen Atmosphären und immersive Erfahrungen mündet?

Darüber hinaus befasst sich das Programm mit weiterführenden allgemeinen Fragen, wie der nach dem Verhältnis von physischer Erfahrung und digitaler Identität. Zum Beispiel, inwieweit das physische Club-Erlebnis zum wesentlichen Mittel der digitalen Identitätsbildung jüngerer Generationen gerät?

*Wie verändert die Digitalisierung die Clubkultur und wie kann sie ein radikaler Antrieb sein Clubbing als anpassungsfähige, vielseitige kulturelle Praxis neu zu denken? 

*Und wie sieht die Zukunft des Clubbings aus bzw. wie klingt und fühlt sie sich an?

Clubbing Cultures: Social and Sustainability Models

Der zweite Programm-Teil reflektiert bestehende und sich entwickelnde Club-(Sub-)Kulturen vor allem mit Blick auf deren Anpassungsfähigkeit und Nachhaltigkeit.

Im Zuge der Entwicklung des Massentourismus haben sich viele Clubs dem allgemeinen Trend unterworfen, sich mehr und mehr auf eine globale Mainstream-Eventkultur zu fokussieren. Statt Nische und Special-Interest galt es möglichst breite Bevölkerungsschichten anzusprechen und möglichst viele Veranstaltungsformate und Genres anzubieten. Beschleunigt durch die pandemiebedingte Krise, expandieren wirtschaftlich starke Global Player in bisher lokale Märkte, indem sie bestehende Clubs in eine Art Franchise-Modell integrieren und mit anderen, ihnen zugänglichen Wertschöpfungs-Bereichen der Unterhaltungsindustrie, verzahnen.

Zugleich entwickeln sich gerade aufgrund der pandemiebedingten Physical-Distancing- Maßnahmen auch Modelle, deren Erfolg nun gerade nicht mehr an die Besucherzahlen und deren Skalierbarkeit gekoppelt ist. Derartige ‚nano-Clubs‘ mit einer reduzierten Kapazität, die zugleich Hygiene und Flexibilität ermöglicht, könnten eine neue Qualität des Clubbings mit mehr Intimität anbieten. Verbunden mit einer digital unterstützten, globalen Reichweite, könnten diese durchaus ökonomisch tragfähig sein.

Mit Hilfe des weitreichenden Long-Tail-Effektes der Digitalisierung, könnten Clubs (z.B. über ihr Engagement für eine bestimmte Szene und ihre Künstler) ihren Genrefokus und Charakter aber auch ihre Rolle als wesentliche Multiplikatoren wiedererlangen. Die Zusammenarbeit mit diversifizierten Crews, die Stärkung von tief in der Subkultur verwurzelten Identitäten und vor allem die Wiederherstellung der „Authentizität“ des Club-Erlebnisses, könnten Teil einer alternativen, Expansions-Strategie sein, denn auch hier böten sich Anknüpfungspunkte zu erweiterten kulturellen Angeboten.

So könnten innovative Integrationen hybrider Elemente und die Kombination physischer Veranstaltungsorte und digitaler Reichweite das Club-Erlebnis bereichern und helfen das individuelle kulturelle Flair der Clubs zu stärken.

Das Programm thematisiert diese Trends und Veränderungen der Branche und diskutiert die Chancen eines spezialisierteren, kontextspezifischeren, genreorientierten Ansatzes des Clubbings als Gegensatz zum Mainstream der Unterhaltungsindustrie.

Darüber hinaus verdeutlichen bereits heute einige, der Clubkultur entlehnte Formate und Elemente in Health- oder Fitness-Clubs, den Versuch Aspekte wie Wohlbefinden und Gesundheit mit der Club-Erfahrung zu verschmelzen. Solche Ansätze könnten unter anderem relevant werden wenn es darum geht auch den Bedürfnissen einer alternden Generation von Club-Gängern gerecht zu werden.

All diese Herausforderungen unterstreichen den Bedarf klassische Geschäftsmodelle der Clublandschaft radikal zu überdenken. Hier könnten u.a. Technologien wie Crowdsourcing und Blockchain zu einer Schaffung autarker und nachhaltiger Unternehmen beitragen.

Die Zukunft des Clubbings muss zwangsläufig auch den ökologischen Fußabdruck von Clubs berücksichtigen und ein vorausschauendes Denken und fortschrittliches Handeln mit Blick auf nachhaltige Events und Veranstaltungsorte fördern.

Unter Berücksichtigung der vielfältigen Dimensionen von Clubs, als räumlich-architektonische Veranstaltungsorte und als Kultur-Produzenten, untersucht und spekuliert das Programm über neue Modelle des Clubbings.

*Wie reagieren die verschiedenen Club-(Sub-)Kulturen auf die aktuelle Situation?

*Wie können neue Club-Modelle entwickelt werden, um langfristige Anpassungsfähigkeit und Nachhaltigkeit zu gewährleisten?

Club-Fu-Tourism and Urban Development

Basierend auf den vorausgegangenen zwei Parts bildet dieser Teil des Programms einen Brückenschlag zur Zukunft der Clubkultur in Verbindung mit dem Tourismus und Gastgewerbe sowie der Stadtentwicklung.

Da Tourismus und Reisen nach der Pandemie neu überdacht und angepasst werden müssen, widmet sich das Programm neuen hybriden Modellen, die das Clubbing mit dem Gastgewerbe und Tourismus verbinden. So analysiert es die aus der internationalen Clubkultur resultierende Mobilität sowie ihren Bezug zu anderen Industrien, um mögliche neue Kooperationen und innovative, zukunftssichere Praktiken zu identifizieren.

Die Betrachtung der Wechselwirkungen der Clubs mit deren städtischer und regionaler Einbettung führt schließlich zur Auseinandersetzung mit Aspekten der urbanen Governance. Hier wendet sich das Projekt Themen der Stadtentwicklung zu und fragt, wie die Existenz einer Clubkultur durch die zunehmend raumgreifende Gentrifizierung beeinflusst wird – oder aber wie die Notwendigkeit der Dezentralisierung von touristischen Zielen mit der räumlichen Verlagerung der Clubkultur zusammenfällt?

Was passiert mit dem städtischen Gefüge, wenn sich die Clubkultur in die Peripherie verlagert? Wie würde dies die räumlich-kulturellen Hierarchien der Innenstadt und der Vorstädte verändern? Und wie beeinflusst Clubkultur heute und in Zukunft die Attraktivität, Sicherheit und die ökonomische Resilienz bestimmter Stadtviertel?

Zu guter letzt fragen wir, wie eine Aneignung des durch die aktuelle Krise wachsenden Leerstandes erfolgen kann und wie die gewonnenen Freiräume mittels neuer Clubbing-Praktiken bespielt und dadurch zur Reaktivierung des Stadtgefüges beitragen können.

Wie kann das Model von autonomen und unabhängigen “Pop-up Club-Locations” als Echo eines Berlins der frühen 90er Jahre auf die Gegenwart übertragen und entsprechend angepasst werden? Welche Rolle könnte die Stadt dabei spielen, wenn es darum geht der Clubkultur zu helfen, sich zu entwickeln und zu gedeihen?

*Kann die Clubkultur von morgen eine treibende Kraft für einen umweltfreundlichen Tourismus werden?

*Und wie kann Fu-Tourismus eine nachhaltige Stadtentwicklung unterstützen?

Lasst uns die Art wie wir feiern neu erfinden! Es ist eine kulturelle, gesellschaftliche und politische Herausforderung – nicht nur für Berlin. Die Zukunft den Clubs – die Clubs der Zukunft!

Club Futurists ist ein von Berlin geführtes internationales Experimentierlabor, das Clubbing in die Zukunft strahlt und Berlin als Future Lab für Clubbing profiliert.