Netzwerk Raum

Hybrid Space Lab beschÀftigt sich damit, wie die expandierenden Mediennetze mit dem physischen, dem öffentlichen Raum zusammenarbeiten. Ihre Arbeit ist auf der Internationalen Architekturbiennale 1ab in Rotterdam zu sehen.

Interview
Many to Many
Diskurs
weiterentwickeln
Christian Holl
1 MĂ€rz 2006

@ Deutsche Bauzeitung

Frau Sikiaridi, Herr Vogelaar, Sie beschÀftigen sich mit den neuen Medien, den neuen Techniken, die durch die Elektronik möglich sind.
Wie neu sind diese Techniken 2003 noch?

Frans Vogelaar: Es ist ein Irrtum zu glauben, man mĂŒsse ĂŒber diese Techniken nicht mehr reden. Die Technik und deren Anwendungen werden stĂ€ndig weiterentwickelt. Die Architekten der neunziger haben eigentlich nicht die volle Tragweite dieser Entwicklungen berĂŒcksichtigt. Sie haben sich fĂŒr den Computer als Zeicheninstrument interessiert. Sie haben nicht verstanden, mit welcher Kraft Netzwerke wirken können. Diese Techniken stammen eigentlich aus der militĂ€rischen und industriellen Forschung. Wir denken, dass es wichtig ist, sie sich gesellschaftlich, kulturell, kĂŒnstlerisch anzueignen, also nicht nur zu dem zu nutzen, wofĂŒr sie gemacht sind. Einer der Motoren unserer Arbeit ist die Neugierde, ob man Technik anders einsetzen kann.

Elizabeth Sikiaridi: Die Entwicklungen gehen weiter, aber sie werden in der Öffentlichkeit nicht mehr wie noch in den neunziger Jahren thematisiert, als dies sicher auch im Sinne des Marketings gefördert wurde – mit dem Ziel den Menschen die Angst vor der neuen Technik zu nehmen. Die sogenannte »blob-architecture«, auch wenn darunter auch interessante Formexperimente stattgefunden haben, ist ein Teil dieses Marketings gewesen, die die neue Technik erst bildfĂ€hig gemacht hat. Wir sind im Fachdiskurs meist ĂŒber diesen Stand noch nicht hinausgekommen. Viel interessanter ist aber der Diskurs, der sich auf den stĂ€dtischen Raum, den Interaktionsraum bezieht.

Wie kann ein solcher Diskurs in der Öffentlichkeit stattfinden, ohne dass er nur in elitĂ€ren Zirkeln gefĂŒhrt wird?

Elizabeth Sikiaridi: In dem man öffentliche Diskussionsprozesse initiiert. Wir haben beispielsweise zu einem Think Tank der niederlĂ€ndischen Regierung beigetragen, der sich mit den Auswirkungen von Informations- und Kommunikationstechnologien auf Gesellschaft und Politik beschĂ€ftigte. Unser Schwerpunkt war, die Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologie auf das Wohnen, den öffentlichen Raum, die Raumnutzung und die Planung zu untersuchen1. Das besondere an diesem Think Tank war, dass er öffentlich gefĂŒhrt wurde und gewirkt hat, mit öffentlichen Workshops und Foren mit Leuten wie zum Beispiel Manuel Castells und Jeremy Rifkin und mit einer sehr ausfĂŒhrlichen Web-PrĂ€senz.

Frans Vogelaar: Projekte können einfach und ĂŒbersichtlich bleiben und sich trotzdem in einem komplexen Konnotationsraum, einen Raum von Themen, bewegen. Das Projekt »Public Media Urban Interfaces« in London hat eine sehr einfache Struktur, gleichzeitig bietet es sehr viele Aspekte und Themen, ĂŒber die man sprechen kann. Es geht darum, die digitalen Netzwerke und den physischen Raum zusammen zu denken, als RĂ€ume der sozialen Interaktion. Das Projekt »Public Media Urban Interfaces« schlĂ€gt vor, ein Netz von Schnittstellen zwischen dem urbanen und dem medialen Raum ĂŒber die Stadt zu legen. Diese Schnittstellen werden im öffentlichen Raum platziert und bieten jedem Zugang zum globalen medialen Netz. Anders als bei den heutigen Medien wie zum Beispiel das Fernsehen, wurde bei dem Projekt ein Netzwerk konzipiert, das eine »bottom-up«-Struktur hat, wo Prozesse von unten eine Chance haben, sich im medialen Raum zu behaupten.

Ein Projekt als InitialzĂŒndung – aber wie soll es sich weiterentwickeln?

Elizabeth Sikiaridi: Das können wir nicht vorhersehen. Absichten und Elemente des Projekts werden verstanden werden, andere nicht, das ist ganz normal; wie sich der Prozess weiterentwickelt, ist unvorhersehbar. Wichtig ist uns zuallererst, dass man beide RĂ€ume zusammen denkt, den physischen und den digitalen, den stĂ€dtischen und den medialen. Denn beide wirken zusammen, und uns interessiert, wie man diese Überlagerung der RĂ€ume und ihren Einfluss aufeinander gestalten könnte.

Ein anderer Begriff der in ihrer Arbeit wichtig ist, ist der des Events. Ein Event emotionalisiert Probleme, aber auf eine Weise, die ablenkt, weil sie die Fakten in einer verzerrten Dimension darstellt. Kann man ein Event auch so gestalten, dass es nicht diese Wirkung hat? Oder um noch mal auf das Bild zurĂŒckzukommen: Wie kann man einem bildmĂ€chtigen Marketing etwas entgegensetzen, ohne die Fehler, die man anderen vorwirft, selbst zu machen?

Frans Vogelaar: Bei dem Projekt »reBoot« ist ein als Medien-Labor ausgerĂŒstetes Schiff von Köln aus nach Amsterdam gefahren. Eine Woche lang haben sich achtzig KĂŒnstler, Musiker, Architekten, Urbanisten, Medien-Kollektive auf dem Schiff mit dem Raum des Flusses, der HĂ€fen entlang der Reise … beschĂ€ftigt. An den HĂ€fen, an denen das Schiff andockte, fanden Veranstaltungen wie Konzerte, FĂŒhrungen, VortrĂ€ge und Kunstprojekte statt, die das lokale Publikum und die lokalen Akteure einbezogen. Die Projekte wurden auf lokale Fernsehsender und im Internet gesendet. Gleichzeitig war das Schiff durch Internet-Verbindungen mit einer Anzahl von RĂ€umen, die entlang des Flusses lagen, wie etwa Clubs, verbunden. Es ergaben sich spannende RĂŒckkopplungen zwischen physischem und digitalem Raum. Es entstand ein »hybrider«, »translokaler« Raum, der nicht an einem Ort zu lokalisieren war, sondern Ergebnis der Interaktion und Verbindung aller dieser physischer wie auch medialer RĂ€ume war.

Elizabeth Sikiaridi: Wir sehen dies als ein Beispiel eines invertierten Events – also eines Events, das aus dem Konsumenten einen Akteur macht und lokale Kulturen miteinander verbindet.

Frans Vogelaar: Das ist ĂŒberhaupt eines unserer Strategien, das Invertieren, die Inversion. Man kann Entwicklungen nicht aufhalten, aber man kann sie invertieren, umstĂŒlpen. »Public Media Urban Interfaces« ist eine UmstĂŒlpung des Prinzips »one to many«. Man stellt die Teile neu zusammen. Aus »one to many«, dem gĂ€ngigen System von Medien wie dem Fernsehen, machten wir »many to many«. Es geht darum, Prozesse so zu organisieren, dass etwas anderes daraus entstehen kann. Auch wenn das Ergebnis unvorhersehbar ist: Es reicht, dass es den Modus der gewohnten Anwendung aufbricht. Viele Möglichkeiten werden eröffnet, nicht alle entwickeln sich, manche Optionen werden kaum wahrgenommen, aber sie bleiben bestehen.

Was fĂŒr eine Bedeutung hat in diesem Kontext der Begriff der IdentitĂ€t, die Beziehung zum Ort? Es besteht eine Diskrepanz zwischen Verwaltungseinheit und der Einheit, in der diese Entwicklungsprozesse erlebt werden. Die GrĂ¶ĂŸenordnungen, die Strukturen unterscheiden sich, es fehlen also auch die Begriffe, womit man diese IdentitĂ€t charakterisieren kann. Was kann IdentitĂ€t ĂŒberhaupt noch sein?

Elizabeth Sikiaridi: Sie haben die Lokalisierung der IdentitĂ€t angesprochen, die nicht mehr greift. Ein interessanter Text ist in diesem Zusammenhang der Essay Marc AugĂ©s. Marc AugĂ© sowie die von ihm geprĂ€gten Begriffe »lieux« und »non-lieux« sind bei den Architekten bekannt. AugĂ© ist Ethnologe und im Original heißt sein Buch »Introduction Ă  une anthropologie de la surmodernité«. Er beschreibt dabei eine Gesellschaft, die keinen organischen Beziehungen mehr hat, die keinen Zusammenhalt mehr hat. Die MobilitĂ€tsrĂ€ume, die er untersucht, die sogenannten »non-lieux«, interessieren ihn daher vor allem insofern, als sie exemplarisch fĂŒr eine Gesellschaft sind, in der sich die Menschen einander fremd sind. Es beschreibt Orte, die fĂŒr Fremde gemacht sind. Nun sind wir keine Ethnologen, wir beschreiben nicht, wir sind Akteure. Uns interessiert, wie IdentitĂ€t in der Begegnung entstehen kann und nicht im Ausschluss dieser Begegnung. Und wie die RĂ€ume der Begegnung sein könnten.

Was erwarten Sie von den Architekten? Sollen sie RĂ€ume schaffen, die Schnittstellen zwischen dem physischen und dem digitalen Raum bieten?

Elizabeth Sikiaridi: Es geht nicht nur darum, die RĂ€ume der Begegnung zu schaffen, die diese Schnittstellen bieten, sondern die VerĂ€nderungen im Zusammenleben zu berĂŒcksichtigen. Es geht darum, neue RĂ€ume zu schaffen, die die VerĂ€nderungen in unseren Lebensweisen, die das Aufkommen der digitalen Vernetzung mit sich bringt, entsprechen. Man muss die rĂ€umlichen Kategorien ĂŒberdenken. Wenn man ĂŒberall arbeiten kann, lĂ€sst sich Wohnen und Arbeiten noch ĂŒberhaupt im modernistischen Sinne rĂ€umlich trennen und unterscheiden? Welche Rolle spielt der architektonisch-urbaner Raum als Raum fĂŒr die direkte Begegnung und das physische Erlebnis?

Frans Vogelaar: Das ist etwas, was uns bei unserer Arbeit fĂŒr die niederlĂ€ndische Stadt Almere beschĂ€ftigt. Almere wĂ€chst sehr schnell, es hat jetzt 165000 Einwohner, in wenigen Jahren sollen es 250000 sein. Es werden neue Viertel geplant und dabei wird gefragt, ob man weiter mit den klassischen Kategorien arbeiten muss oder ob und wie man neue Raumstrukturen fĂŒr eine gewandelte Lebensweise finden kann. Wie schaffe ich RĂ€ume, in denen gearbeitet werden kann, in denen das Arbeiten aber nicht mehr ein getrennter Teil der Stadt ist, es nicht mehr als gesonderte Funktion sondern als Handlung im Zusammenhang verstanden wird?

Schließt das auch das Planen als ein Planen in Netzwerken ein?

Elizabeth Sikiaridi: Planung verĂ€ndert sich. Kommunikation, auch die, welche Planung und Politik betrifft, wird in zunehmenden Maße in den Medien gefĂŒhrt. Daher entwickeln Planer auch ganz andere Strategien, um in diesen in Netzwerken gefĂŒhrten Kommunikations- und Planungsprozesse mitwirken zu können. In diesem Zusammenhang sollte man ĂŒber Strategien der PluralitĂ€t, im Sinne von »many to many«-Kommunikationsprozessen, nachdenken.

Die Idee, das Prinzip »one to many« in eines »many to many« umzuwandeln, hat ja bereits Hans Magnus Enzensberger 1970 formuliert1. Aber was ist den heute anders, dass das, was damals keinen Erfolg hatte, heute einen haben könnte?

Elizabeth Sikiaridi: Eine Chance könnte sein, dass Bewegungen immer auch Gegenbewegungen provozieren. Eine Monopolisierung bringt die Monopolisierung erst ins Bewusstsein und erzeugt somit die Gegenreaktion.

Frans Vogelaar: Wir sehen zum Beispiel so etwas wie das Open Source Projekt Linux.

Kann man die Gefahr, dass Netzwerke zur Kontrolle und EinschrĂ€nkung von Freiheit missbraucht werden, ausschließen?

Elizabeth Sikiaridi: Bei Netzwerken ist Überwachung inhĂ€rent, die Überwachung ist ein Teil ihres Charakters. Alle Handlungen, die ĂŒber digitale Netze laufen, werden registriert.

Sehen Sie uns auf dem Weg in die Kontroll-, die Überwachungs-gesellschaft?

Frans Vogelaar: Dort sind wir schon angekommen. Das, was heute RealitĂ€t ist, wurde von Deleuze schon vor 15 Jahren beschrieben – und es hat nichts von seiner AktualitĂ€t eingebĂŒĂŸt3. In England gibt es heute mehr als 1,5 Millionen Kameras, die den öffentlichen Raum ĂŒberwachen. Das ergibt, dass in England eine Person durchschnittlich 300 Mal am Tag fotografiert wird.

Wie kann man darauf noch reagieren?

Elizabeth Sikiaridi: Man muss sich natĂŒrlich trotz allem eine gewisse NaivitĂ€t und einem gewissen Optimismus bewahren, um Akteur bleiben zu können.

Frans Vogelaar: Zur Zeit wird nicht mehr diskutiert, aber es wird gehandelt. Deshalb ist es wieder um so wichtiger, dass man weiter ĂŒber diese Entwicklungen und deren Konsequenzen reden kann.

Notes

1siehe: http://www.infodrome.nl/publicaties/domeinen/07_rui_vog_essay.html
2 Enzensberger, Hans Magnus, Baukasten zu einer Theorie der Medien, in: Kursbuch Medienkultur, hg. von Claus Pias u.a., Stuttgart 1999
3 Deleuze, Gilles, Postskriptum ĂŒber die Kontrollgesellschaften, in: ders., Unterhandlungen 1972 – 1990, Frankfurt am Main 1993

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