Embassy Lab GRÜNtopia @ Tagesspiegel

Der asphaltierte Innenhof der Botschaft hatte sich pĂŒnktlich zum Start von „MakeCity“ in einen „Pop up Park“ verwandelt und damit anschaulich demonstriert, wie einfach es sein kann, InnenstĂ€dte zu begrĂŒnen.

Publikation
Sabine Holper
Sunday 23 June 2018

@ Der Tagesspiegel
Berlin

StÀdte
Werden
GrĂŒner

Im JĂŒdischen Museum ist man mitten-drin im Thema: Wie holt man das GrĂŒn in die StĂ€dte zurĂŒck, nachdem immer mehr FreiflĂ€chen verschwunden sind, weil sie Neubauten weichen mussten?

Die „GĂ€rten der Diaspora“ in der W. Michael Blumenthal Akademie sind eine mögliche Antwort auf diese Frage: Wenn die Natur-rĂ€ume in der Stadt zurĂŒckgehen, holt man die Natur in die RĂ€ume hinein. Die GĂ€rten der Diaspora sind eines von zahlreichen Beispielen aus dem Buch „Garden City: Supergreen Buildings, Urban Skyscapes and the New Planted Space“. Herausgegeben hat es Anna Yudina, Mitglied der Kooperative A 1 0 New European Architecture.

Neben anderen internationalen Experten war sie jetzt zu Gast bei der Veranstaltung „Embassy Lab GRÜNtopia“ in der niederlĂ€ndischen Botschaft. Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar vom „Hybrid Space Lab“ hatten zur Veranstaltung geladen, die in das internationale Festival „MakeCity“ eingebettet ist, das noch bis zum 1. Juli an verschiedenen Orten in Berlin stattfindet.

Der asphaltierte Innenhof der Botschaft hatte sich pĂŒnktlich zum Start von „MakeCity“ in einen „Pop up Park“ verwandelt und damit anschaulich demonstriert, wie einfach es sein kann, InnenstĂ€dte zu begrĂŒnen. Jeder Fleck Rasen im Hinterhof, jedes BlĂŒmchen auf dem Balkon und jeder Straßenbaum verbessern das Klima und fördern das Wohlbefinden. „Der Mensch hat ein natĂŒrliches BedĂŒrfnis, in der Natur zu leben“, sagt Tanja van der Knoop, GrĂŒnderin der Non-Profit-Organisation Green City Buzz in Amsterdam. „Niemand sagt, wir wollen mehr GebĂ€ude, alle wollen mehr GrĂŒn in den StĂ€dten.“ Van der Knoop spendiert StĂ€dten dieses GrĂŒn. Sie pflanzt Blumen an Gehwegen, und seien sie noch so schmal. „Über-all ist Platz fĂŒr ein paar Pflanzen“, ist sie sich sicher. „Und wo Stauden sind, da sind auch Schmetterlinge und Bienen. Da ist Leben.“ Aber brauchen wir diese Maßnahmen in den InnenstĂ€dten? Alle Redner waren sich einig: unbedingt. Denn die Lage ist ernst. Wir leben im urbanen Zeitalter, immer mehr Menschen ziehen in die StĂ€dte, immer mehr Wohnraum wird benötigt. Doch mit jedem Haus, das gebaut wird, verschwindet eine FreiflĂ€che. Und je weniger öffentliche Brachen existieren, desto schlechter wird das Klima. Aufgrund der zahlreichen asphaltierten FlĂ€chen und der vielen Fassaden mit ihren großen OberflĂ€chen kommt es vermehrt zum sogenannten „StĂ€dtische WĂ€rmeinsel“ Effekt: StĂ€dte weisen im Vergleich zum Umland eine deutlich höhere Durchschnittstemperatur auf.

Der Klimawandel verstĂ€rkt das PhĂ€nomen zusĂ€tzlich. Hinzu kommt, dass durch die ZerstĂŒckelung von LebensrĂ€umen und den Einsatz von Pestiziden die biologische Vielfalt ab-nimmt; die Zahl der Insekten ist bereits um 75 Prozent zurĂŒckgegangen. Besonders betroffen davon sind Megacitys wie Shanghai oder Shenzhen. Aber auch in Deutschland sei es an der Zeit, Lösungen zu entwickeln, sagt Elizabeth Sikiaridi. „Selbst Berlin ist seit der voranschreiten-den Verdichtung nicht mehr die grĂŒne Stadt, die es lange war.“ Umdenken tut not. Die Ingenieure sind gefordert, Pflanzen in die GebĂ€ude zu integrieren. Wie das geht, zeigt Yudina an-hand zahlreicher Beispiele aus der gan-zen Welt. Eines der beeindruckendsten sind die begrĂŒnten ZwillingstĂŒrme „Bosco Verticale“ (Vertikaler Wald) in Mailand. Etwa 900 BĂ€ume, jeder bei der Pflanzung bereits bis zu neun Meter hoch, sowie mehr als 2000 weitere Pflanzen wurden auf die Terrassen und Balkone der HochhĂ€user gepflanzt. Ein anderes ambitioniertes Projekt be-findet sich noch in der Planung: die „Lowline“ im New Yorker Stadtteil Manhattan. In einem Areal rund um eine nicht mehr genutzte Straßenbahn-Endstation wollen der ehemalige Nasa-Ingenieur James Ramsey und sein Partner Dan Barasch den weltweit ersten unterirdischen Park anlegen. Sie greifen dafĂŒr auf eine Technik aus Korea zurĂŒck, die es ermöglicht, Sonnenlicht in die Tiefe zu leiten. Ohne diese Lichtquelle könnte keine Pflanze in der Tiefe ĂŒberleben. 2020 soll der Park eröffnen.

Das Projekt „Lowline“ zeigt, dass neue Technologien helfen, StĂ€dte grĂŒner und damit lebenswerter zu machen. Allerdings, sagt Sven Stimac, der die kommende internationale Gartenschau „Floriade“ im niederlĂ€ndischen Almere konzipiert, mĂŒsse man sich auch Gedanken darĂŒber machen, ob Hightech möglicher-weise negative Auswirkungen auf die Zukunft habe. Manchmal sei ein „zurĂŒck zu den Wurzeln“ daher der bessere Weg, etwa HĂ€user aus Stroh und Lehm. „Die Wahrheit liegt in der Mitte“, sagt Stimac, in der Kombination aus High- und Lowtech: Man könne das Dach eines hochmodernen Hauses zum Beispiel mit der uralten Pflanze Sedum begrĂŒnen. Ebenso kann man aber auch die DĂ€cher oder Fassaden bestehender GebĂ€ude be-pflanzen. Wichtig ist dabei in jedem Fall, die richtige, möglichst heimische Pflanzenart auszusuchen. Aber noch mehr ist möglich – und laut Wouter Vos vom niederlĂ€ndischen Beratungsunternehmen KuiperCompagnons auch nötig: der Anbau von Obst und GemĂŒse. Vor allem in MegastĂ€dten gĂ€be es keine Alternative mehr zur urbanen Landwirtschaft, also der Lebensmittelproduktion in der Stadt, sagt er. Wie das aussehen kann, zeigte Vos gestern anhand seines aktuellen Projektes in Singapur: Schon Ende kommenden Jahres sollen in einem Stockwerk eines Lagerhauses mi-ten in der Innenstadt KrĂ€uter, GemĂŒse und FrĂŒchte geerntet werden.
Sabine Hölper

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