Deep Space @ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Das „Tal der Gefallenen“, die Weihestätte der Franco-Diktatur, spaltet Spanien noch immer. Ein Workshop will sie mit neuen Bildern überblenden.

Es sollte ein Prestigegewinn für das Kabinett des Sozialisten Pedro Sánchez werden, ein Zeichen, dass auch eine Minderheitsregierung in Spanien etwas bewegen kann: die Umbettung der sterblichen Überreste des Diktators Francisco Franco. Bis heute ruht der 1975 gestorbene Caudillo im sogenannten „Tal der Gefallenen“, einem nationalkatholischen Weiheort sechzig Kilometer nordwestlich von Madrid, zusammen mit mehr als dreißigtausend Toten des Bürgerkriegs. Doch seit der neue spanische Premier am 25. August mutig die Verlegung ankündigte, ist das Gespenst wieder lebendig: Wohin denn mit dem Diktator? Und was geschieht mit dem „Tal der Gefallenen“, mit der in den Fels gehauenen Basilika, mit dem 150 Meter hohen Kreuz, das die gigantische Anlage mit ihrem faschistisch-neoklassizistischen Pomp überragt und noch aus dreißig Kilometern Entfernung zu sehen ist? Gleich sprengen, wie manche fordern? Oder lieber mit einem Dokumentationszentrum versehen, das die Geschichte der Opfer des Regimes erzählen würde?

Artikel
Die heiße Asche des Diktators
Paul Ingendaai
1 November 2018

@ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Madrid, Ende Oktober

Es sollte ein Prestigegewinn für das Kabinett des Sozialisten Pedro Sánchez werden, ein Zeichen, dass auch eine Minderheitsregierung in Spanien etwas bewegen kann: die Umbettung der sterblichen Überreste des Diktators Francisco Franco. Bis heute ruht der 1975 gestorbene Caudillo im sogenannten „Tal der Gefallenen“, einem nationalkatholischen Weiheort sechzig Kilometer nordwestlich von Madrid, zusammen mit mehr als dreißigtausend Toten des Bürgerkriegs. Doch seit der neue spanische Premier am 25. August mutig die Verlegung ankündigte, ist das Gespenst wieder lebendig: Wohin denn mit dem Diktator? Und was geschieht mit dem „Tal der Gefallenen“, mit der in den Fels gehauenen Basilika, mit dem 150 Meter hohen Kreuz, das die gigantische Anlage mit ihrem faschistisch-neoklassizistischen Pomp überragt und noch aus dreißig Kilometern Entfernung zu sehen ist? Gleich sprengen, wie manche fordern? Oder lieber mit einem Dokumentationszentrum versehen, das die Geschichte der Opfer des Regimes erzählen würde?

Je tiefer man sich in das belastete Thema hineinbegibt, desto klebriger wird es. Vieles ist noch nicht aufgearbeitet, noch viel weniger erledigt, und von gesellschaftlichem Konsens kann keine Rede sein. Rechte Kreise, Franco-Nostalgiker und Freunde der katholischen Kirche begehren gegen den Exhumierungsbeschluss auf. Doch auch die andere Seite rührt sich. Gerade zogen Tausende durch die Madrider Innenstadt und protestierten dagegen, dass der Körper des Diktators in die Kathedrale Santa Maria la Real de la Almudena überführt und Teil der Madrider Altstadt werden könnte. Da aber die Kirche darüber befindet, wer in der Almudena zu liegen kommt, dürfte der Protest fruchtlos sein. Auch die Tochter des Diktators und ihr Mann liegen schon im privaten Familiengrab der Francos.

Das Aufflammen der spanischen Geschichtsdebatte über Diktatur und Gedächtnispolitik fiel zusammen mit dem Besuch einer rund zwanzigköpfigen Expertengruppe, die der Einladung des Berliner Thinktanks Hybrid Space Lab gefolgt war. „Deep Space: Re-signifying Valle de los Caídos“, so hieß der von den Professoren Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar organisierte Workshop, zu dem sich Historiker, Soziologen, Anthropologen, Künstler, Designer und Museumsleute in Madrid zusammengefunden hatten. Es ging um Zukunftsvisionen für den umstrittenen Gedenkort, um frische Bedeutungen und alternative Konzepte, und all das ausdrücklich privat, ohne Unterstützung durch spanische Institutionen. Wie sich zeigte, wollte ohnehin keine einzige offizielle Stelle etwas mit dem toxischen Workshop zu tun haben.

Am Anfang, an einem strahlend sonnigen Tag, steht die Ortsbegehung. Nicht viele gönnen sich die Morgenmesse in der Basilika um elf Uhr, aber sie ist ein Ereignis und fraglos Teil der Aussage, die das Monument „Valle de los Caídos“ seit seiner Eröffnung 1959 machen will. Denn die Kirche – und besonders der Benediktinerorden, dem die Pflege seit mehr als einem halben Jahrhundert aufgetragen ist – spielt hier die entscheidende Rolle. Religiös war schon die symbolische Aufladung des Bürgerkriegs 1936 bis 1939 als „Kreuzzug“, eines Kampfs der Mächte des Lichts gegen das Reich der Finsternis. Feierlich und monumental sind auch die religiösen Skulpturen, von den vier Evangelisten am Fuß des Kreuzes bis zur großen Pietà über dem Eingangstor.

Die Messe selbst zelebriert ein alter Prior mit so krächzender Stimme, dass man sich im Kino wähnt oder auf einer Bühne, wo die Rolle „alter Priester“ gegeben wird. Ein Dutzend Gläubige verteilt sich über die Bänke des riesigen Raums, dazu wir Besucher aus fünf oder sechs Ländern, vermutlich sofort als Eindringlinge erkennbar. Aber etwas stimmt nicht mit der Akustik; der Lautsprecherklang der Stimme überschlägt sich, bildet Echos und erzeugt ein konstantes Dröhnen, das Kopfschmerzen verursacht. Immerhin, bei der Wandlung geht das Licht aus, und es wird still. Nur noch das Kreuz über dem Altar ist erleuchtet. Die fünf Geistlichen in Grün huschen wie Schatten umher.

Es ist der einzige sublime Augenblick des Morgens, eine geglückte Inszenierung, ein Moment für kurzes Erschauern vor dem Griff der göttlichen Hand ins Rad der Geschichte, wenn man denn an dergleichen glauben will. Und spätestens jetzt wird jedem wahrhaft Gläubigen wieder bewusst, wer hinter diesem Altar unter der Grabplatte liegt und wem der ganze Zauber überhaupt gilt: Francisco Franco, der „Generalísimo“, der Retter Spaniens vor dem Kommunismus. Davor wiederum, um die symbolische Vater-Sohn-Beziehung vollständig zu machen: José Antonio Primo de Rivera, Sohn eines Diktators aus den zwanziger Jahren und charismatischer Begründer der faschistischen „Falange“. Franco dachte nicht daran, den 1936 vom Feind gefangen genommenen José Antonio einzutauschen, wartete ab, bis die Republikaner ihn erschossen hatten, und schuf so einen Märtyrer, der ihm nicht mehr in die Quere kommen konnte. Heute gehören die beiden zusammen, nützliche Nachbarn, Zeugen ein und desselben Geistes. Die Benediktiner versorgen die Gräber der beiden Männer täglich mit frischen Blumen. Gläubige treten vor die Platten am Boden, verharren stumm, verneigen und bekreuzigen sich.

Der Soziologe Francisco Ferrándiz, Mitglied einer Expertenkommission des Jahres 2011 zum „Tal der Gefallenen“ und unser Tourguide für den Tag, nennt das Monument „totalitär“ und „Stein gewordenen Nationalkatholizismus“ und als solches unrettbar. Zerstören solle man es aber auch nicht, vielmehr „seinen Niedergang begleiten“ durch die Schaffung digitaler Gegenbilder. „Die Pixel“, sagt Ferrándiz, „könnten den Stein zersetzen.“

Der Workshop am Tag darauf bringt lohnende Ideen hervor. Eine Gruppe befasst sich mit der räumlichen Erfassung des Monuments und seiner Umgebung in der malerischen Bergwelt der Sierra Guadarrama, studiert Karten und Höhenangaben. Unterirdische Wasserläufe umspülen die mitten in den Berg gesetzte Basilika bereits, aus den Decken tropft es in Eimer, die kein Notbehelf mehr sind, sondern Normalität; irgendwann, man ahnt es, werden der Stein, das Wasser und das raue Außenklima ihre Abbrucharbeit selbst an dieser Einschüchterungsarchitektur vollendet haben. Eine andere Arbeitsgruppe projiziert sich ins Jahr 2068 und denkt über die mögliche Nutzung des Ortes in fünfzig Jahren nach: als Forschungsstätte, als Eventschauplatz und globales Friedenszentrum.

In einem sind alle derselben Meinung: dass die Kirche, als Handlangerin der Diktatur desavouiert, an diesem Ort keinen Platz mehr hat. Da meldet sich eine Teilnehmerin und bemerkt, gegen die Kirche lasse sich ganz sicher keine Veränderung durchsetzen; ob man es nicht mit ihr probieren solle? Etwa, indem man die Gläubigen selbst gewinnt? Doch schwierig wird es so oder so. Denn die zentrale Rechtfertigung der Franco-Apologeten, das „Tal der Gefallenen“ sei ein Monument nationaler Versöhnung, ist nicht nur falsch, sie wird auch von keinem Vertreter der Opferverbände akzeptiert. Nicht nur, weil Franco die Anlage am 1. April 1959 einweihte, genau zwanzig Jahre nach dem „Tag des Sieges“ 1939. Sondern auch, weil Toten der republikanischen Gegenseite verspätet, eher als Alibi, dazugepackt wurden, ohne Namen, ohne Identität – eine Verhöhnung der linken Zwangsarbeiter, die den monströsen Gedenkort erbauen halfen.

Der Konflikt um das „Tal der Gefallenen“ ist, leider, keine nostalgische Veranstaltung, kein Kampf um verlorene Posten. Verhandelt werden darin Haltungen zur Gegenwart der spanischen Demokratie. Insofern muss man den Streit als Aussage über die Bindekraft liberaler Werte verstehen. Nur deshalb ist einem bei diesem Befund etwas unheimlich: Auch im fünften Jahrzehnt nach seinem Ableben ist die Aura des Diktators noch zu spüren.