Deep Space @ Tagesspiegel

Berliner Beitrag zur Denkmal-Debatte: Was tun mit Francos Mausoleum?
Nicht zerstören, sagt das Berliner BĂŒro Hybrid Space Lab und liefert Ideen fĂŒr einen neuen Umgang mit der umstrittenen Franco-GedenkstĂ€tte im „Tal der Gefallenen“ bei Madrid.

Publikation
Bernhard Schultz
16 July 2020

@ Der Tagesspiegel
Berlin

Im Herbst vergangenen Jahres wurde die Franco-Diktatur in Spanien noch einmal gegenwÀrtig. Da wurden auf Beschluss des Parlaments die Gebeine des 1975 gestorbenen Diktators aus seinem gigantischen Grabmal entfernt und in der GrabstÀtte seiner Familie am Stadtrand von Madrid bestattet.

Noch einmal lebten die Kontroversen um den Umgang mit der Franco-Vergangenheit auf. Teil davon ist die GrabstĂ€tte; um deren kĂŒnftige Gestaltung machte sich eben zur Zeit der hitzigen Debatten um die Umbettung ein Workshop Gedanken, den das in Berlin ansĂ€ssige Hybrid Space Lab in Madrid ausrichtete und an dem zahlreiche Wissenschaftler und Fachleute vor allem spanischer Institutionen teilnahmen. Derzeit – und mit vorlĂ€ufiger Unterbrechung durch die Corona-Pandemie – arbeitet das Lab an der Umsetzung seiner „digitalen Strategie“.

Es geht um das „Valle de los CaĂ­dos“, das „Tal der Gefallenen“. Wie die altĂ€gyptischen Pharaonen ließ sich Spaniens Diktator Francisco Franco bereits zu Lebzeiten ein gewaltiges Grabmal bauen. In die Berge der Sierra de Guadarrama, gut 40 Kilometer nordwestlich von Madrid, wurde in 19-jĂ€hriger Bauzeit ein gigantisches, 262 Meter langes, tonnengewölbtes Kirchenschiff hineingetrieben, das sich zu einem 42 Meter hohen Kuppelraum weitet.

Sichtbares Zeichen fĂŒr die Verbindung von Faschismus und katholischer Kirche

Dort wurden die sterblichen Überreste des Diktators bestattet sowie die des MitbegrĂŒnders der faschistischen „Falange“, JosĂ© Antonio Primo de Rivera, der 1936 zu Beginn des Spanischen BĂŒrgerkriegs hingerichtet und von den Faschisten als „MĂ€rtyrer“ verehrt wurde.
Die konservative Opposition kritisierte die Umbettung und nannte es „unverantwortlich, bereits geheilte Wunden wieder aufzureißen“. Dabei ist die tatsĂ€chliche „Wunde“ eben diese GedenkstĂ€tte, mit vollem Namen „Nationalmonument des Heiligen Kreuzes im Tal der Gefallenen“.

Um die 20 000 republikanische Gefangene mussten die GedenkstĂ€tte, das sichtbare Zeichen der Verbindung von Faschismus und katholischer (Staats-)Kirche, als Zwangsarbeiter ĂŒberwiegend in Handarbeit in den Fels hinein- und aus ihm herausmeißeln; zudem wurde auf der Spitze des darĂŒber liegenden Berges ein 152 Meter hohes und 46 Meter breites Betonkreuz errichtet.

Mit der mĂŒhseligen Arbeit im harten Granit erklĂ€rt sich auch die lange Bauzeit bis zur Einweihung im Jahr 1959, dem 20. Jahrestag des Sieges der Franco-Truppen im BĂŒrgerkrieg. Seither wird das Monument von den Benediktinern betreut, die auf dem weitlĂ€ufigen GelĂ€nde ein Kloster (und eine Internatsschule) unterhalten und tĂ€glich eine Messe fĂŒr das Seelenheil des 1975 verstorbenen Franco zu lesen hatten.

Dass der gern zum Liberalen stilisierte Papst Johannes XXIII. den eigentĂŒmlichen Sakralbau im Jahr nach der Einweihung in den Rang einer Basilica minor erhob, unterstrich noch einmal deutlich, auf welcher Seite die Institution Kirche im spanischen BĂŒrgerkrieg gestanden hatte und weiterhin stand.

Die Felsenkirche ist zugleich RuhestĂ€tte fĂŒr die Opfer des BĂŒrgerkries

Nach dem Ende ihrer ursprĂŒnglichen Aufgabe als Grabmal des Diktators ist endgĂŒltig die Zeit gekommen, ĂŒber die Zukunft des „Nationalmonuments“ nachzudenken. Denn, was meist ĂŒbersehen wird, zugleich ist die Felsenkirche die RuhestĂ€tte fĂŒr ĂŒber 33 000 Opfer des BĂŒrgerkriegs; daher der Name „Valle de los CaĂ­dos“.

Zwar die ĂŒberwiegende Mehrzahl, aber nicht alle Opfer fielen aufseiten der Franco-AufstĂ€ndischen. Es sind auch Republikaner darunter – wobei die Kirche darauf bestand, nur solche Toten zu bestatten, deren Zugehörigkeit zum katholischen Glauben nachgewiesen war.

Das ist keine Petitesse angesichts des stark anti-kirchlichen Charakters des BĂŒrgerkriegs zumal in seinen AnfĂ€ngen 1936, der sich als soziale Revolution gegen die jahrhundertalte Verbindung von Kirche, Feudaladel und Großgrundbesitz richtete und zahlreiche Opfer unter Priestern und Kirchenleuten forderte.

Das Berliner BĂŒro Hybrid Space Lab reiste nach Madrid

In Berlin hat das Hybrid Space Lab seinen Sitz in den schönen Gewerbebauten zwischen Köpenicker Straße und Spree, wo sich schon bald nach der Wiedervereinigung Berlins auch das Deutsche Architekturzentrum ansiedelte. Dem von Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar geleiteten BĂŒro gehören Vertreter verschiedener Fachdisziplinen von Architekten ĂŒber ArchĂ€ologen bis zu Anthropologen an.

Das „Lab“ ist mit dem Projekt „Deep Space: Re-signifying Valle de los CaĂ­dos” an den Überlegungen zur Neugestaltung oder besser, Neubewertung des Monuments beteiligt. In Berlin ist das „Lab“ mit dem Vorschlag des „Humboldt Vulkan“ hervorgetreten, einer „gestapelten Oase“, die sich wie ein tropischer Bewuchs vom kĂŒnftigen U-Bahn-Ausgang an der Fassade des Schloss-Neubaus emporrankt.

Ganz anders ist der Vorschlag fĂŒr das spanische Monument, der bereits im vergangenen Jahr auf einem Madrider Workshop diskutiert wurde, nun aber durch Corona auf unabsehbare Zeit auf dem Papier bleiben muss. Einen öffentlichen Auftrag gab es nicht, auch keine dementsprechende Finanzierung – man wollte und will unabhĂ€ngig bleiben. Das „KĂŒnstlerhonorar“ einer niederlĂ€ndischen Kulturstiftung wurde in die Organisation des Workshops gesteckt.

Das „Ziel“ des Workshops sei es gewesen, so Vogelaar, „zu verstehen, wie so ein Ort funktioniert“. So fuhren die Workshop-Teilnehmer eigens zum Nationaldenkmal, um die tĂ€gliche Messe an der Grabplatte Francos zu erleben. Zur Mystifizierung der GedenkstĂ€tte seit ihrer Eröffnung trug sicherlich bei, dass Foto- und Filmaufnahmen innerhalb der Basilika strengstens untersagt waren – und die Einhaltung des Verbots vom Wachpersonal auch strikt durchgesetzt wurde.

Zerstörung des Denkmals stand nicht zur Debatte

Die Überformung oder gar Zerstörung der riesigen Gedenkanlage stand nicht zur Debatte, betonen Sikiaridi und Vogelaar beim Besuch in den lichtdurchfluteten Berliner GewerberĂ€umen: „Besonders diese Strategie, das Monument zu transformieren, ohne es erst einmal physisch zu verĂ€ndern, ĂŒberzeugte, da ein solcher Prozess der ‚digitalen Transformation‘ direkt starten und den öffentlichen Diskurs unterstĂŒtzen kann, aus dem VorschlĂ€ge fĂŒr die lĂ€ngerfristige, vielleicht auch physische Umwandlung des Ortes hervorgehen können.“

Nebenbei bröckelt mittlerweile das Kreuz mit seinen statisch problematischen Kreuzarmen, so dass der Aufstieg auf den Berggipfel bereits gesperrt ist. Andererseits soll das Monument nicht zu einem bloßen Kenotaph werden, einem leeren Grabmal. Zuallererst mĂŒssen die Spuren der Zwangsarbeit aufgefunden und gesichert werden, etwa die Reste der Baracken, in denen nicht nur die Gefangenen, sondern auch deren Familien unter erbĂ€rmlichen UmstĂ€nden lebten.

DarĂŒber erfĂ€hrt der heutige Besucher nichts. Es geht daher um die Rekonstruktion der Erinnerung, darĂŒber hinaus um eine verĂ€nderte Wahrnehmung. Das Hybrid Space Lab verfolgt eine „digitale Strategie“, sagt Sikiaridi: Dem Besucher soll eine „augmented reality“ an die Hand gegeben werden, eine Art Folie, die sich auf dem Tablet ĂŒber die RealitĂ€t legt und die dahinter verborgenen Schichten sichtbar macht.

So sind die GrĂ€ber der BĂŒrgerkriegs-Gefallenen im Inneren der Basilika nicht sichtbar, sie sind hinter den SeitenwĂ€nden verborgen. Sikiaridi spricht von einem kĂŒnftigen „Röntgenbild“. Der Besucher kann dabei seine ganz spezifischen Fragen an das Datenprogramm richten und eine „persönliche Beziehung“ aufbauen.

„Es geht nicht darum, die Schuldigen zu benennen, sondern das Geschehen anzusprechen“, macht Elizabeth Sikiaridi den Zusammenhang deutlich, in dem das Valle-Projekt mit der Aufarbeitung der spanischen Geschichte steht. „Transgenerationelle Erinnerung“ vollziehe sich ĂŒber drei Generationen hinweg: die erste, die etwas getan hat, die zweite, die es weiß, aber verschweigt, und die dritte, die die ErinnerungslĂŒcke spĂŒrt und allmĂ€hlich zu fĂŒllen beginnt.

Dieser Prozess vollzieht sich in Spanien seit dem Ende der Franco-Diktatur 1977. Ganz bewusst hat die spanische Politik seither davon abgesehen, die Geschehnisse in und nach dem extrem gewalttĂ€tigen BĂŒrgerkrieg mit seinen hunderttausenden Opfern juristisch aufzuarbeiten.

Inzwischen aber ist weit mehr als eine ganze Generation in der Demokratie aufgewachsen und kennt die Diktatur auch in ihrer sklerotischen SpĂ€tzeit nur noch aus familiĂ€ren ErzĂ€hlungen. Mit der Exhumierung Francos im „Valle de los CaĂ­dos“ ist nun die letzte und bedeutendste ErinnerungsstĂ€tte aus ihrem, wenn auch nur mehr geisterhaften Bezug zur Tagespolitik ausgeschieden und vollends historisch geworden.

Es sind die dritte, vierte und die kommenden Generationen, die ihre Fragen an die Geschichte stellen und Antworten verlangen – nach heutiger Technik dann auf dem Tablet.

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