Deep Space @ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Das „Tal der Gefallenen“, die WeihestĂ€tte der Franco-Diktatur, spaltet Spanien noch immer. Ein Workshop will sie mit neuen Bildern ĂŒberblenden.

Publikation
Die heiße Asche des Diktators
Paul Ingendaai
1 November 2018

@ Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die heiße Asche
des Diktators

„Es sollte ein Prestigegewinn fĂŒr das Kabinett des Sozialisten Pedro SĂĄnchez werden, ein Zeichen, dass auch eine Minderheitsregierung in Spanien etwas bewegen kann: die Umbettung der sterblichen Überreste des Diktators Francisco Franco. Bis heute ruht der 1975 gestorbene Caudillo im sogenannten „Tal der Gefallenen“, einem nationalkatholischen Weiheort sechzig Kilometer nordwestlich von Madrid, zusammen mit mehr als dreißigtausend Toten des BĂŒrgerkriegs. Doch seit der neue spanische Premier am 25. August mutig die Verlegung ankĂŒndigte, ist das Gespenst wieder lebendig: Wohin denn mit dem Diktator? Und was geschieht mit dem „Tal der Gefallenen“, mit der in den Fels gehauenen Basilika, mit dem 150 Meter hohen Kreuz, das die gigantische Anlage mit ihrem faschistisch-neoklassizistischen Pomp ĂŒberragt und noch aus dreißig Kilometern Entfernung zu sehen ist? Gleich sprengen, wie manche fordern? Oder lieber mit einem Dokumentationszentrum versehen, das die Geschichte der Opfer des Regimes erzĂ€hlen wĂŒrde?

Je tiefer man sich in das belastete Thema hineinbegibt, desto klebriger wird es. Vieles ist noch nicht aufgearbeitet, noch viel weniger erledigt, und von gesellschaftlichem Konsens kann keine Rede sein. Rechte Kreise, Franco-Nostalgiker und Freunde der katholischen Kirche begehren gegen den Exhumierungsbeschluss auf. Doch auch die andere Seite rĂŒhrt sich. Gerade zogen Tausende durch die Madrider Innenstadt und protestierten dagegen, dass der Körper des Diktators in die Kathedrale Santa Maria la Real de la Almudena ĂŒberfĂŒhrt und Teil der Madrider Altstadt werden könnte. Da aber die Kirche darĂŒber befindet, wer in der Almudena zu liegen kommt, dĂŒrfte der Protest fruchtlos sein. Auch die Tochter des Diktators und ihr Mann liegen schon im privaten Familiengrab der Francos.

Das Aufflammen der spanischen Geschichtsdebatte ĂŒber Diktatur und GedĂ€chtnispolitik fiel zusammen mit dem Besuch einer rund zwanzigköpfigen Expertengruppe, die der Einladung des Berliner Thinktanks Hybrid Space Lab gefolgt war. „Deep Space: Re-signifying Valle de los CaĂ­dos“, so hieß der von den Professoren Elizabeth Sikiaridi und Frans Vogelaar organisierte Workshop, zu dem sich Historiker, Soziologen, Anthropologen, KĂŒnstler, Designer und Museumsleute in Madrid zusammengefunden hatten. Es ging um Zukunftsvisionen fĂŒr den umstrittenen Gedenkort, um frische Bedeutungen und alternative Konzepte, und all das ausdrĂŒcklich privat, ohne UnterstĂŒtzung durch spanische Institutionen. Wie sich zeigte, wollte ohnehin keine einzige offizielle Stelle etwas mit dem toxischen Workshop zu tun haben.

Am Anfang, an einem strahlend sonnigen Tag, steht die Ortsbegehung. Nicht viele gönnen sich die Morgenmesse in der Basilika um elf Uhr, aber sie ist ein Ereignis und fraglos Teil der Aussage, die das Monument „Valle de los CaĂ­dos“ seit seiner Eröffnung 1959 machen will. Denn die Kirche – und besonders der Benediktinerorden, dem die Pflege seit mehr als einem halben Jahrhundert aufgetragen ist – spielt hier die entscheidende Rolle. Religiös war schon die symbolische Aufladung des BĂŒrgerkriegs 1936 bis 1939 als „Kreuzzug“, eines Kampfs der MĂ€chte des Lichts gegen das Reich der Finsternis. Feierlich und monumental sind auch die religiösen Skulpturen, von den vier Evangelisten am Fuß des Kreuzes bis zur großen PietĂ  ĂŒber dem Eingangstor.

Die Messe selbst zelebriert ein alter Prior mit so krĂ€chzender Stimme, dass man sich im Kino wĂ€hnt oder auf einer BĂŒhne, wo die Rolle „alter Priester“ gegeben wird. Ein Dutzend GlĂ€ubige verteilt sich ĂŒber die BĂ€nke des riesigen Raums, dazu wir Besucher aus fĂŒnf oder sechs LĂ€ndern, vermutlich sofort als Eindringlinge erkennbar. Aber etwas stimmt nicht mit der Akustik; der Lautsprecherklang der Stimme ĂŒberschlĂ€gt sich, bildet Echos und erzeugt ein konstantes Dröhnen, das Kopfschmerzen verursacht. Immerhin, bei der Wandlung geht das Licht aus, und es wird still. Nur noch das Kreuz ĂŒber dem Altar ist erleuchtet. Die fĂŒnf Geistlichen in GrĂŒn huschen wie Schatten umher.

Es ist der einzige sublime Augenblick des Morgens, eine geglĂŒckte Inszenierung, ein Moment fĂŒr kurzes Erschauern vor dem Griff der göttlichen Hand ins Rad der Geschichte, wenn man denn an dergleichen glauben will. Und spĂ€testens jetzt wird jedem wahrhaft GlĂ€ubigen wieder bewusst, wer hinter diesem Altar unter der Grabplatte liegt und wem der ganze Zauber ĂŒberhaupt gilt: Francisco Franco, der „GeneralĂ­simo“, der Retter Spaniens vor dem Kommunismus. Davor wiederum, um die symbolische Vater-Sohn-Beziehung vollstĂ€ndig zu machen: JosĂ© Antonio Primo de Rivera, Sohn eines Diktators aus den zwanziger Jahren und charismatischer BegrĂŒnder der faschistischen „Falange“. Franco dachte nicht daran, den 1936 vom Feind gefangen genommenen JosĂ© Antonio einzutauschen, wartete ab, bis die Republikaner ihn erschossen hatten, und schuf so einen MĂ€rtyrer, der ihm nicht mehr in die Quere kommen konnte. Heute gehören die beiden zusammen, nĂŒtzliche Nachbarn, Zeugen ein und desselben Geistes. Die Benediktiner versorgen die GrĂ€ber der beiden MĂ€nner tĂ€glich mit frischen Blumen. GlĂ€ubige treten vor die Platten am Boden, verharren stumm, verneigen und bekreuzigen sich.

Der Soziologe Francisco FerrĂĄndiz, Mitglied einer Expertenkommission des Jahres 2011 zum „Tal der Gefallenen“ und unser Tourguide fĂŒr den Tag, nennt das Monument „totalitĂ€r“ und „Stein gewordenen Nationalkatholizismus“ und als solches unrettbar. Zerstören solle man es aber auch nicht, vielmehr „seinen Niedergang begleiten“ durch die Schaffung digitaler Gegenbilder. „Die Pixel“, sagt FerrĂĄndiz, „könnten den Stein zersetzen.“

Der Workshop am Tag darauf bringt lohnende Ideen hervor. Eine Gruppe befasst sich mit der rĂ€umlichen Erfassung des Monuments und seiner Umgebung in der malerischen Bergwelt der Sierra Guadarrama, studiert Karten und Höhenangaben. Unterirdische WasserlĂ€ufe umspĂŒlen die mitten in den Berg gesetzte Basilika bereits, aus den Decken tropft es in Eimer, die kein Notbehelf mehr sind, sondern NormalitĂ€t; irgendwann, man ahnt es, werden der Stein, das Wasser und das raue Außenklima ihre Abbrucharbeit selbst an dieser EinschĂŒchterungsarchitektur vollendet haben. Eine andere Arbeitsgruppe projiziert sich ins Jahr 2068 und denkt ĂŒber die mögliche Nutzung des Ortes in fĂŒnfzig Jahren nach: als ForschungsstĂ€tte, als Eventschauplatz und globales Friedenszentrum.

In einem sind alle derselben Meinung: dass die Kirche, als Handlangerin der Diktatur desavouiert, an diesem Ort keinen Platz mehr hat. Da meldet sich eine Teilnehmerin und bemerkt, gegen die Kirche lasse sich ganz sicher keine VerĂ€nderung durchsetzen; ob man es nicht mit ihr probieren solle? Etwa, indem man die GlĂ€ubigen selbst gewinnt? Doch schwierig wird es so oder so. Denn die zentrale Rechtfertigung der Franco-Apologeten, das „Tal der Gefallenen“ sei ein Monument nationaler Versöhnung, ist nicht nur falsch, sie wird auch von keinem Vertreter der OpferverbĂ€nde akzeptiert. Nicht nur, weil Franco die Anlage am 1. April 1959 einweihte, genau zwanzig Jahre nach dem „Tag des Sieges“ 1939. Sondern auch, weil Toten der republikanischen Gegenseite verspĂ€tet, eher als Alibi, dazugepackt wurden, ohne Namen, ohne IdentitĂ€t – eine Verhöhnung der linken Zwangsarbeiter, die den monströsen Gedenkort erbauen halfen.

Der Konflikt um das „Tal der Gefallenen“ ist, leider, keine nostalgische Veranstaltung, kein Kampf um verlorene Posten. Verhandelt werden darin Haltungen zur Gegenwart der spanischen Demokratie. Insofern muss man den Streit als Aussage ĂŒber die Bindekraft liberaler Werte verstehen. Nur deshalb ist einem bei diesem Befund etwas unheimlich: Auch im fĂŒnften Jahrzehnt nach seinem Ableben ist die Aura des Diktators noch zu spĂŒren.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung

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