Humboldt Vulkan @ TAZ

Es muss schon ein ganz besonderes Ereignis sein, wenn Ada Colau, ehemalige Stadtaktivistin und seit 2015 BĂŒrgermeisterin Barcelonas, und Sadiq Aman Khan, das erste muslimische Stadtoberhaupt Londons, nach Berlin reisen, ohne vom Regierenden BĂŒrgermeister eingeladen worden zu sein. Dennoch werden beide am Donnerstag in der Stadt sein – und mit Bausenatorin Katrin Lompscher und weiteren GĂ€sten das zweite Make City Festival eröffnen. Das Thema des 18-tĂ€gigen Events lautet schlicht und ergreifend „Stadt neu gemischt“.

Publication
Uwe Rada
11 Juni 2018

@ TAZ
Berlin

Stadt anders machen lernen

Das Motto rĂ€umt gleich mit zwei lieb gewonnenen Gewohnheiten von Architektinnen und Stadtplanern auf. Das alte Leitbild der „durchmischten Stadt“ ist in Berlin lĂ€ngst weggentrifiziert. Man wohnt wieder unter sich, die Wohlhabenden brauchen dazu nicht einmal Gated Communities, weil sie lĂ€ngst ganze Viertel erobert haben. Der Rest kĂ€mpft um seine Nischen und hofft auf (politische) Wunder.

Eine neue Mischung aber ist möglich, sind die Macherinnen und Macher von Make City ĂŒberzeugt und verbreiten eine Aufbruchstimmung, die angesichts der Mietenexplosion erstaunlich ist. „Berlin wird derzeit ĂŒberall neu gemischt, ĂŒberall wechseln die Szenen, die Akteure“, sagt Francesca Ferguson, die als kĂŒnstlerische Leiterin bereits das erste Make City Festival vor drei Jahren auf die Beine gestellt hat. Berlin ist fĂŒr Ferguson die Stadt des „Zivilkapitalismus“.

Alternative Projektentwickler, gemeinwohlorientierte Bauherren, neue Kooperationen mit der öffentlichen Hand, Partizipation, gutes Geld: Das sind die Zutaten, aus denen dieser zivile Kapitalismus fĂŒr Ferguson gemacht ist – und denen das Architekturfestival dient. Als „Plattform fĂŒr Entwickler, Planer, Bauherren, Verwaltung, Politik, Genossenschaften, Kultureinrichtungen“, wie es Ferguson nennt.

Nanni Grau teilt diesen Optimismus. „Das erste Festival hat Spuren hinterlassen“, sagt die Architektin des BĂŒros HĂŒtten & PalĂ€ste. „All das, was wir und andere machen, ist plötzlich sichtbar geworden“. Viele Netzwerke seien damals entstanden, auf die man seitdem zurĂŒckgreifen könne. „Über viele Jahre haben wir ein Gegeneinander erlebt. Jetzt gibt es ein Miteinander.“

NatĂŒrlich hat das auch mit dem Bauboom zu tun, der nicht nur den etablierten Vertretern der Zunft dicke AuftragsbĂŒcher beschert, sondern auch jungen Architektinnen und Architekten. Die wollen nun auch von den Erfahrungen der Älteren profitieren. Eine „riesige UniversitĂ€t“ nennt Nanni Grau deshalb Make City. Selbst das BĂŒro von Grau ist nun aufgefordert, experimentelle Lösungen fĂŒr den Bau von sogenannten schwierigen GrundstĂŒcken zu suchen.

Oft geht es dabei um die Erdgeschosse, sagt Grau. Sie nennt sie die „Schnittstellen des GebĂ€udes zur Stadt“. Lange Zeit haben Investoren keine GewerberĂ€ume gebaut, weil die KĂ€ufer von Eigentumswohnungen nicht gestört werden wollen. Aber auch Wohnungsbaugesellschaften tun sich schwer mit Gewerbe und LĂ€den. Viele Architekten jedoch weigern sich inzwischen, Erdgeschosswohnungen zu bauen. Sie wollen wieder mehr Mischung von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen. „Solche Haltungen entwickeln sich gerade“, ist Grau ĂŒberzeugt.

Im Programm von Make City nehmen die Erdgeschosse, aber auch GewerbeflĂ€chen breiten Raum ein. Ein Beispiel ist das Metropolenhaus am ehemaligen Blumengroßmarkt, das ĂŒber seine Erdgeschosszone das gesamte Quartier in der SĂŒdlichen Friedrichstadt aktivieren möchte. Dem Thema Gewerbe nĂ€hert sich das Haus vor allem temporĂ€r. Die FlĂ€chen werden nur zeitlich begrenzt vergeben.

UnterstĂŒtzung bekommt Make City dabei auch von der Architektenkammer Berlin. PrĂ€sidentin Christine Edmaier betont, dass in Berlin keine reinen Wohngebiete mehr gebaut werden dĂŒrften. „Wir brauchen urbane Gebiete neuen Typs“, fordert Edmaier. SelbstverstĂ€ndlich mĂŒssten sich in den Erdgeschossen GewerbeflĂ€chen befinden. Das Festival an sich findet sie die ideale ErgĂ€nzung zum Tag der Architektur, den die Kammer ausrichtet. „Berlin hat ein Film- und Theaterfestival.“ Mit Make City sei nun ein Festival fĂŒr Architektur und Stadtentwicklung dazugekommen.

FĂŒr Francesca Ferguson geht es bei Make City aber nicht nur ums Bauen, sondern ums Große und Ganze. Vor allem die Kreislaufwirtschaft ist ihr wichtig. Wie können Baumaterialien recycelt werden? Wie lĂ€sst sich die Lebensmittelproduktion nachhaltig organisieren? „Die ErnĂ€hrungswirtschaft ist ein wichtiges stadtentwicklungspolitisches Thema“, ist Ferguson ĂŒberzeugt und verweist auf den „Urban Food Policy Pact“, den mehr als 160 Metropolen in Mailand unterschrieben haben.

In Berlin soll dieses Thema vor allem im Großmarkt an der Beusselstraße einen Ort haben. Die Markthalle Neun will dort wieder den „Bauch der Stadt“ entstehen lassen, betont Markthallen-Betreiber Florian Niedermeier: „Wir wollen die Lebensmittelproduktion und die Menschen, die tagtĂ€glich fĂŒr unser Essen arbeiten, wieder zurĂŒck in die Stadt holen.“ Beim Senat hat Niedermeier bereits das Konzept Großmarkt 9.0 eingereicht.

Nicht mehr und nicht weniger als die Diskussion ĂŒber einen neuen Stadtvertrag hat Kuratorin Francesca Ferguson vor Augen. Zwischen den neuen Akteuren des Bauens, der Partizipation, der Entscheider. Gleichzeitig warnt sie vor zu hohen Erwartungen. „Wir geben hier keine Antworten, sondern die Möglichkeit sich auszutauschen.“ Zum Beispiel auch ĂŒber neue Finanzierungsmodelle, bei denen private und öffentliche Akteure zusammenarbeiten. Dass das Eckwerk der Holzmarktgenossenschaft vor dem Aus steht, so Ferguson, sei da natĂŒrlich ein RĂŒckschlag.

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