Humboldt Vulkan @ Der Tagesspiegel

R├╝diger Schaper, Ressortleiter Kultur, der Tageszeitung Der Tagesspiegel pr├Ąsentiert den Humboldt Vulkan in einem Artikel betitelt „Willkommen im Dschungel – Umplanen ist nicht verboten, noch ist Zeit“. Der Artikel, der eine ├ťbersicht ├╝ber die aktuelle Diskussion um das Humboldt Forum gibt, ist mit einem gro├čformatigen Bild des Projektes Humboldt Vulkan illustriert. Humboldt Vulkan fungiert als Ikone und Symbol f├╝r ein besseres Humboldt Forum!

Ver├Âffentlichung
R├╝diger Schaper
1 September 2017

Der Tagesspiegel
Berlin

Willkommen im Dschungel

Mit etwas Fantasie, Wasser und Glas. Langweilige Architektur muss nicht langweilig bleiben. Die Designer vom Hybrid Space Lab haben f├╝r das Stadtschloss einen „Humboldt Vulkan“ entworfen. Da kommen die Dinge ins Flie├čen.

Die Berliner Schloss-Fassade ist nicht gottgegeben. Das beste w├Ąre ohnehin, Christo den Bau verpacken zu lassen, wie einst das Reichstagsgeb├Ąude. Da war einmal eine friedliche Aufbruchstimmung in der Stadt, Optimismus und Gemeinschaftsgef├╝hl.

So denken auch die Designer vom Hybrid Space Lab Berlin. Sie haben f├╝r den Humboldt-Kasten einen tropischen Garten entworfen, mit m├Ąchtig rankendem Gr├╝n und Wasserkaskaden. Sie nennen es „Humboldt Dschungel“ und „Humboldt Volcano“ – eine Referenz an die Reisen Alexander von Humboldts in Lateinamerika. Alles flie├čt.

Umplanen ist nicht verboten, noch ist Zeit f├╝r neue Konzepte: Warum Berlin seine Pr├Ąsentation aus dem Humboldt Forum zur├╝ckziehen sollte.

In der Mitte entspringt Verdruss. Kaum ist der Streit um das Kreuz auf der Kuppel abgeflaut, braut sich neuer ├ärger zusammen. Und der wird auch nicht so schnell vergehen. Es dreht sich um die deutsche Kolonialgeschichte und die Frage, was daraus f├╝r das Humboldt Forum und generell die Museen folgt. Eine dringliche Provenienzforschung allemal. Wie sind die Artefakte aus Afrika hierher gelangt? Wie wird sich ihr Weg in den Ausstellungshallen des Humboldt Forums nachvollziehen lassen? Was werden die stummen Objekte erz├Ąhlen?

Es ist offenkundig: Das Humboldt Forum hat ein Legitimationsproblem. Das zeigt sich auf mehreren Ebenen, drau├čen und drinnen. Die Umh├╝llung, das Schloss, nimmt mehr und mehr Gestalt an, und die Kritik an der Fake-Architektur wird wieder heftiger. Berlins Kultursenator Klaus Lederer spricht von einem ÔÇ×DesasterÔÇť.

Die Humboldt-Expertin B├ęn├Ędicte Savoy ist mit Aplomb aus dem Beirat ausgetreten und sagt: ÔÇ×Das Humboldt Forum ist wie Tschernobyl.ÔÇť Harsche Worte. Indessen sieht Kulturstaatsministerin Monika Gr├╝tters die Sache positiv. Das Humboldt Forum wirke eben als Katalysator f├╝r ├╝berf├Ąllige Debatten und bef├Ârdere Strukturreformen, genau so habe man es sich ja gew├╝nscht. ÔÇ×Das Humboldt Forum ist zu einer riesigen Projektionsfl├Ąche geworden, auf die sich die gedanklichen Scheinwerfer zahlreicher Diskurse richtenÔÇť, schreibt Horst Bredekamp, einer der drei Gr├╝ndungsintendanten, in der neuen ÔÇ×ZeitÔÇť.

An der Raubkunst wird das Humboldt-Forum nicht scheitern.

Deutschlands gr├Â├čtes und eigentlich auch gro├čartigstes Kulturprojekt scheint indes unter dem immensen Erwartungsdruck zu schrumpfen. So liest man, dass an eine stufenweise Er├Âffnung gedacht wird, beginnend im Herbst/Winter 2019. Alles andere w├╝rde die ├ľffentlichkeit ├╝berfordern, lautet das seltsame Argument. Oder gibt es einen anderen Grund, nicht sogleich das Ganze zu pr├Ąsentieren? Werden hier gr├Â├čere Probleme verschleiert?

Berlin leidet an den Traumata des neuen Flughafens und der Staatsoper Unter den Linden. Diesmal soll es um keinen Preis eine signifikante Verz├Âgerung und Verteuerung geben. Und diesem Ziel wird alles andere untergeordnet, auch das Gelingen der neuen Institution.

An der Provenienzfrage kann es dann nicht liegen, wenn das Humboldt Forum seinen Zeitplan dehnt. Diese Forschungen sind langwierig, sie haben erstaunlicherweise ├╝berhaupt erst begonnen. Die entsprechenden Stellen m├╝ssen neu eingerichtet werden. Neil MacGregor, H├Ąuptling der drei Gr├╝ndungsintendanten, hat in seiner Ausstellung ÔÇ×Germany. Memories of a NationÔÇť Deutschland ein erstklassiges Zeugnis ausgestellt, was die Aufarbeitung der Vergangenheit betrifft, der Diktaturen, der Kriegsverbrechen. Diese Schau im British Museum London war ausschlaggebend f├╝r MacGregors Berufung nach Berlin. An der Raubkunst wird das Humboldt Forum nicht scheitern. Denn es ist eine seiner Aufgaben, diesen Komplex zu erforschen, in offenem Prozess. Undenkbar, hinter der historisierenden Fassade die eigene Geschichte zu vernachl├Ąssigen.

Das Beste w├Ąre, Christo den Schlossbau verpacken zu lassen.

Die Berliner Schloss-Fassade ist nicht gottgegeben. Das Beste w├Ąre ohnehin, Christo den Bau verpacken zu lassen, wie einst das Reichstagsgeb├Ąude. Da war einmal eine friedliche Aufbruchstimmung in der Stadt, Optimismus und Gemeinschaftsgef├╝hl. So denken auch die Designer vom Hybrid Space Lab Berlin. Sie haben f├╝r den Humboldt-Kasten einen tropischen Garten entworfen, mit m├Ąchtig rankendem Gr├╝n und Wasserkaskaden. Sie nennen es ÔÇ×Humboldt DschungelÔÇť und ÔÇ×Humboldt VulcanoÔÇť ÔÇô eine Referenz an die Reisen Alexander von Humboldts in Lateinamerika. Alles flie├čt. Die Entw├╝rfe erinnern an das gr├╝n umwucherte Mus├ęe du Quai Branly. Jean Nouvel ist der Architekt des 2006 er├Âffneten Komplexes f├╝r au├čereurop├Ąische Kunst in Paris. Frankreich hatte den Mut zu einer zeitgen├Âssischen Architektur.

Das ├äu├čere, das zu misslingen droht, l├Ąsst sich ver├Ąndern und auflockern. Das gilt auch f├╝r das Innere. Bei der Geschossplanung sind schlechte Kompromisse gemacht worden. Es fehlt am Platz. Die Neupr├Ąsentation der Dahlemer Sammlungen, ein gro├čz├╝giger Eingangsbereich, Veranstaltungsr├Ąume, das Wissenschaftslabor der Humboldt-Universit├Ąt und Raum f├╝r Sonder- und Wechselausstellungen, das alles dr├Ąngt ins Forum. Dazu noch die Berliner Seite: 4000 Quadratmeter im ersten Obergeschoss stehen einer Darstellung der Geschichte der Stadt in ihrer Beziehung zur Welt zur Verf├╝gung. Wozu?

Hat der Louvre ein Paris-Fenster, das British Museum eine London-Show?

Urspr├╝nglich sollte auch noch die Zentrale Landesbibliothek mit hinein ins Humboldt-Forum. Von dieser Idee hat man sich klug verabschiedet. Jetzt m├╝sste die Gr├╝ndungsintendanz, die Kulturstaatsministerin und der Berliner Kultursenator den Mut haben, die Berlin-Repr├Ąsentanz im Humboldt Forum aufzugeben. Die Pl├Ąne daf├╝r werden von der Stiftung Stadtmuseum und ihrem Direktor Paul Spies zusammen mit der Kulturprojekte GmbH entwickelt. Aber warum an diesem Ort?

Hat der Louvre ein Paris-Fenster, das British Museum eine London-Show? Nur in Berlin muss sich eine Weltstadt permanent selbst bewerben und sich ihrer selbst versichern. Als w├Ąre das Humboldt-Projekt an sich nicht schon ├╝berzeugend genug.

Berlins Kulturgeschichte im Humboldt Forum? Das k├Ânnte ja nur die Besch├Ąftigung mit Alexander und Wilhelm von Humboldt und dem fortschrittlichen Preu├čen sein. So ist es aber nicht vorgesehen. Die Berlin-Schau will sich vage unter Begriffen wie ÔÇ×Revolution, Mode, Migration, Krieg, Freir├Ąume, Grenzen, Vergn├╝gen und WeltdenkenÔÇť darstellen, in einer ÔÇ×eigenen ErfahrungsweltÔÇť. So k├Ânnte es kommen, wenn nicht noch anders entschieden wird: Berlin hier, die Sammlungen dort. Keine durchgehende Pr├Ąsentation und ├ästhetik, keine einheitliche Verantwortlichkeit. Schon jetzt leidet das ganze Humboldt-Forumsprojekt an einem Wirrwarr von Kompetenzen ÔÇô ein Riesentier mit vielen K├Âpfen und F├╝├čen.

So muss man es aber nicht mehr machen, nur weil es einmal so geplant war. Mit dem zu renovierenden M├Ąrkischen Museum, der Nikolaikirche, dem Ephraimpalais und dem Knoblauchhaus besitzt die Stiftung Stadtmuseum bereits reichlich prominente Pr├Ąsenz in der Mitte der Stadt. Das will alles bespielt und unterhalten sein, auf hohem Niveau.

Auf einen Schlag w├╝rden 4000 Quadratmeter frei. Hat der Louvre ein Paris-Fenster, das British Museum eine London-Show?

Man kann den Eindruck bekommen, dass der rot-rot-gr├╝ne Senat gar nicht so traurig w├Ąre, k├Ąme es zu einer Umplanung ohne den Berliner Beitrag. Es ist darum sehr still geworden. Die von Pr├Ąsident Hermann Parzinger ÔÇô er geh├Ârt zugleich zur Humboldt-Gr├╝ndungsintendanz ÔÇô angef├╝hrte Stiftung Preu├čischer Kulturbesitz d├╝rfte sich auf jeden Fall ├╝ber eine solche L├Âsung freuen.

Wenn sich Berlin verabschiedet, m├╝sste der Bund den Kostenanteil des Landes am Humboldt Forum ├╝bernehmen, wenigstens 32 von insgesamt rund 600 Millionen Euro. Auf einen Schlag w├╝rden 4000 Quadratmeter frei. Sie werden von der Preu├čenstiftung, die das Humboldt-Forum mit ihren Sammlungen best├╝ckt, dringend ben├Âtigt. Hier kommt wieder die Legitimationsfrage. Das Humboldt-Forum k├Ânnte mit der dazugewonnenen Fl├Ąche flexibler werden, dort vielleicht auch eine Ausstellung zur Provenienz einrichten. B├ęn├Ędicte Savoy verlangt in der ÔÇ×S├╝ddeutschen ZeitungÔÇť R├Ąume, ÔÇ×um die Verzahnung von Wissenschaft und Forschung zu f├Ârdern. Warum k├Ânnen Schulklassen dort nicht regul├Ąren Unterricht haben?ÔÇť

Es gibt noch eine andere M├Âglichkeit, den Berliner Platz sehr viel sinnvoller zu f├╝llen als bisher vorgesehen. Dahlem zieht ins Humboldt Forum um. Nicht ganz. Das Museum Europ├Ąischer Kulturen bleibt zur├╝ck. Daf├╝r ist in Mitte kein Platz vorgesehen. An die 280 000 Objekte umfasst diese Sammlung, in der deutsche und europ├Ąische Kulturgeschichte ethnologisch betrachtet werden. Naive Kunst, religi├Âse Artefakte, Alltagsgegenst├Ąnde aus unseren Gegenden: Das ist der entscheidende Punkt.

Die Zeit nach der Einweihung hat schon begonnen.

Mit dem Museum Europ├Ąischer Kulturen im Humboldt Forum, bei der Museumsinsel, w├╝rde sich der gro├če Kreis der Kulturen schlie├čen und erschlie├čen. Der Besucher, wo immer er auch herkommt, aus Bamberg, Burkina Faso oder Brasilien, w├╝rde unsere Lebenswelt ├Ąhnlich betrachten wie ein ÔÇ×Amazonas-ModulÔÇť oder afrikanische Sitzm├Âbel. Alexander von Humboldt wusste, dass die Dinge nicht vergleichbar sind, aber zusammenh├Ąngen. Was f├╝r ein gewaltiger Gewinn, wenn die ehemalige Kolonialmacht im Humboldt-Forum nach Riten und Gebr├Ąuchen untersucht w├╝rde, wie es bei den kolonialisierten V├Âlkern im Museum ├╝blich ist. Die traditionelle westliche Unterscheidung von Kunst und Gebrauchsgegenstand, heiligen und profanen Objekten ist sowieso fraglich. Auf Dauer werden sich auch die geographischen Grenzziehungen aus der Kolonialzeit nicht halten lassen. Sie widersprechen dem HumboldtÔÇÖschen Denken.

Berlin verzichtet zugunsten des Museums f├╝r Europ├Ąische Kulturen: Dann kann aus einem Guss gearbeitet werden. Das ist wichtig f├╝r den k├╝nftigen Intendanten oder die k├╝nftige Intendantin des Humboldt Forums. Die Person wird bereits gesucht. Sie soll nach der Er├Âffnung die Gesch├Ąfte ├╝bernehmen, Neil MacGregor tritt dann ab. Doch die Zeit nach der Einweihung hat im Grunde schon begonnen. Jetzt werden die Weichen gestellt. Nur einen Haken hat die Sache: Die 4000 Quadratmeter Berlin-Fl├Ąche sind nicht f├╝r Museumsobjekte ausgelegt. Die Umwidmung erfordert bauliche Ver├Ąnderungen und l├Ąsst die Kosten steigen. Wenn man das angehen will, dann jetzt. Irrt├╝mer nachher zu korrigieren, wird noch viel teurer und bringt noch mehr Verdruss. Und den hatten wir schon.

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29 September – 27 October 2017