Post COVID-19 Stadt

Mit der COVID-19-Pandemie steigt die Nutzung digitaler Instrumente stark.

Damit werden neue Optionen für die räumliche Organisation von Nutzungen denkbar, werden mögliche Konsequenzen der Digitalisierung schärfer konturiert.

Vor allem aber wächst damit auch die Notwendigkeit, sich damit auseinanderzusetzen, welchem Leitbild wir folgen wollen, wer von Digitalisierung profitieren soll, welche Idee von Stadt wir haben.

Veröffentlichung Recht auf hybride Stadt @ Marlowes Online-Magazin für Architektur und Stadt, Stuttgart, 20 Mai 2020
Veröffentlichung Post COVID-19 Hybrid City @ Kunsthochschule für Medien Köln (KHM), KHM # 0 Magazine, Köln, 1 December 2022

Räumliche
Distanzierung

Räumliche Distanzierung, im Englischen Social Distancing, ist nach aktuellem Stand die wirkungsvollste Verhaltensregel, um die Ausbreitung des Virus in den Zeiten der Pandemie zu verlangsamen. Dabei stellt räumliche Distanzierung das Grundkonzept der Urbanität in Frage, da Stadt immer von einer hohen Bevölkerungsdichte geprägt ist – von den frühen Siedlungen der Jungsteinzeit bis zu den zeitgenössischen Megastädten. Der Versuch des modernen Städtebaus, die Stadt durch die Trennung städtischer Funktionen, wie Wohnen, Arbeiten, Mobilität und Erholung, zu kontrollieren, wurde kritisiert und anschließend als Planungsparadigma aufgegeben, gerade weil die daraus resultierenden, die Social Distancing ermöglichenden modernen Stadt- und Gebäudeentwürfe, als ein Verlust des Reichtums, der Komplexität und der Integrationskraft der Städte erlebt wurden.

Beschleunigung
der
Digitalisierung

Es ist daher unerlässlich, darüber nachzudenken, wie sich die gegenwärtige Krise auf unsere Städte auswirken wird. Angesichts der unbestreitbaren Beschleunigung der Digitalisierung als eine der offensichtlichsten Folgen der gegenwärtigen Pandemie und der damit einhergehenden Wandlung physischer Räume, sollten wir parallel zu den physischen Räumen der Begegnung und des Zusammenlebens auch die digitalen Räume und Netzwerke, die unsere Beziehungen formen, berücksichtigen.

Die heute erforderliche und notwendige Kontaktsperre beschleunigt die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien beispiellos. Gesellschaftliche Interaktionen vollziehen sich nun in der digitalen Sphäre: Mit der eingeschränkten Öffnung von Läden wächst der E-Commerce, solange Kulturräume und Sporteinrichtungen eingeschränkt verfügbar sind, werden Remote Viewing, Online-Fitnesskurse, E-Konferenzen, Live-Streaming-Musikauftritte sowie virtuelle Museumsführungen und Ausstellungen zur Norm. Telekommunikation ersetzt persönliche Besprechungen, Schulen und Universitäten stellen auf Online-Unterricht und E-Learning um und immer mehr Büroarbeiten werden im Home-Office erledigt.

Trotz der langsamen Aufhebung der durch die Pandemie ausgelösten Restriktionen werden sich diese neuen digitalen Formate weiterentwickeln. Die neu erworbenen Online-Gewohnheiten – unterstützt durch wirtschaftliche Interessen – werden größtenteils bestehen bleiben und zur neuen Normalität werden. Im Zuge der Pandemie steigern sich die Anforderungen an die kontrollierbaren physischen Räume wie Wohnungen und privatem Freiraum.  Das wird der Digitalisierung in die Karten spielen. Es wird beispielsweise vermehrt Flachdächer in dichten städtischen Situationen genutzt werden, vor allem aber werden suburbane Räumen und ländlichen Regionen eine neue Rolle spielen. Von hier aus wird man gelegentlich ins Büro fahren, aber ansonsten mithilfe digitaler Telekommunikationsmitteln die Arbeit zuhause erledigen und sich vom Wohnort aus die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sichern.

Der derzeitige Ausnahmezustand führt zu einer starken und teilweise unreflektierten Beschleunigung dieser Entwicklungen. Dabei wird oft übersehen, dass im Kontext zunehmender Digitalisierung durch konkurrierende soziale und urbane Konzepte Möglichkeitsräume für die Gestaltung der Technologie geöffnet werden. In der Krise akzeptieren die Bürgerinnen und Bürger nicht nur die Einschränkungen ihrer physischen Bewegungen und Begegnungen, viele würden auch die digitale Aufzeichnung ihrer Bewegungsprofile, ihrer Kontakte und ihres Gesundheitszustands in Kauf nehmen. In der Pandemie werden digitale Kontrollwerkzeuge hierzu verfeinert, um mithilfe von (Big) Data Prognosemodelle und -simulationen zu ermöglichen. Digitale Instrumente können aber auch Kommunikations-, Partizipations- und Mitgestaltungsprozesse unterstützen und die Rolle des verantwortungsvollen Bürgers stärken.

Daher sollten wir nicht nur darüber nachdenken, ob wir mit einem Leben zufrieden wären, das hauptsächlich online stattfindet. Wir sollten jetzt vor allem überlegen, zu welchen Zwecken und mithilfe welcher Mittel wir digitale Technologie einsetzten wollen und wie wir als mündige (intelligente) Bürgerschaft sinnvolle gesellschaftliche Bündnisse schmieden können. Denn digitale Instrumente können die gestiegene Zahl zivilgesellschaftlicher bottom-up Solidaritätsinitiativen fördern.

Smart City
und
Smart Citizen

Die unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien spiegeln alternative Modelle der digital-vernetzten, der hybriden Stadt wider. Smart City zielt hauptsächlich auf die Optimierung städtischer Funktionen. Dieser Ansatz, der aus der Informationstechnologie entlehnt ist, konzentriert sich auf die Effizienzsteigerung städtischer Systeme und erleichtert mithilfe von Daten die städtischen Phänomene quantitativ zu erfassen.

Dem steht der Smart Citizen-Ansatz gegenüber: Er stützt sich auf die prozessorientierten Werkzeuge der Stadttechnologie, um die Stadtnutzer und -bewohner in die Gestaltung der Urbanisierung der Technologie sowie ihrer Umwelt einzubeziehen. Mithilfe dieses auf der Kommunikationstechnologie basierenden Ansatzes werden Bürgerbeteiligungsprozesse unterstützt, Stadt wird als Verhandlungsraum aufgefasst und die Aktivität intelligenter Kollektive gefördert. Die Komplexität städtische Systeme kann dadurch gestärkt und vergrößert werden. Jenseits einer Optimierung städtischer Funktionen wird die urbane Landschaft bereichert.

Zwar soll nicht unterschätzt werden, wie wichtig es ist, Systeme so zu optimieren, dass die Herausforderungen der urbanen Resilienz und des Stadtmanagements in Bezug auf Nachhaltigkeit, Mobilität, Gesundheit oder Sicherheit bewältigt werden können. Es ist jedoch wichtig zu hinterfragen, für wen städtische Systeme optimiert werden, da Optimierungsprozesse ungleiche Lebensbedingungen noch verstärken können. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass die Qualitäten der Urbanität auf dem funktionalen, sozialen, kulturellen Reichtum und der Komplexität von Städten beruhen – und damit auch auf den diesen Reichtum bedingenden, fortwährenden urbanen Verhandlungsprozessen.

Digitale Technologien können sowohl Kontrolle und Optimierung wie auch Interaktion und Beteiligung unterstützen. Digitalisierung kann den Übergang von zentralisierten zu interaktiven, dezentralen sozialen Netzwerken ermöglichen. Urban-Tech-Tools können städtische Beteiligungsprozesse erleichtern, die die Bürger in partizipative Prozesse der Mitgestaltung ihrer Umwelt einbeziehen.

Der Blick
zurück

Beiden hier skizzierten Ansätzen der Informationstechnologie (Smart City) und der Kommunikationstechnologie (Smart Citizen) entsprechen unterschiedlichen und konkurrierenden Stadtkonzepten, denen jeweils ein unterschiedliches Verständnis der Gesellschaft zugrunde liegt.

Es ist aufschlussreich, von dieser Warte einmal die Geschichte von Stadtkonzepten in den Blick zu nehmen: einerseits den modernistischen Ansatz des städtischen Social Engineering mit dem Fokus auf die Kontrolle und Optimierung urbaner Phänomene und andererseits die Planungstraditionen, die auf städtischen Gesellschaften und auf Nachbarschaftskommunikation setzten, wie es etwa Jane Jacobs und Henri Lefebvre‘s „Recht auf Stadt“ taten.

Auf der einen Seite zielten bereits historische Stadtentwicklungskonzepte, auch über die Moderne hinaus, auf eine funktionale Optimierung, um etwa das zunehmende Verkehrsaufkommen zu bewältigen oder Seuchen zu bekämpfen. Entsprechend beschrieben soziologische Konzepte mit funktionalistischen Interpretationen die Gesellschaft als ein System, in dem integrierten Mustern und Elementen zusammenwirken, um städtische Funktionen zu erfüllen.

Auf der anderen Seite basieren prozessorientierte Herangehensweisen auf einem Verständnis der Stadt als verhandeltem und mitgestaltetem Raum. Auch in solchen Konzepten spiegeln sich sozialtheoretische Modelle wider. Hier wird jedoch die Gesellschaft als organisch vermittelt betrachtet. Und es werden die Konfliktperspektiven der Gesellschaft integriert, die sich aus der Konkurrenz verschiedener Gruppen und deren Interessen ergeben. Das betont Komplexität und Verhandlung und geht von einem fortwährenden sozialen Wandel aus. Solche Stadtmodelle, die ihren Fokus auf die Interaktion richten, beziehen sich teilweise auch auf soziologische Perspektiven symbolischer Interaktion und verweisen darauf, dass solche Interaktion Gemeinschaft schafft und das Verhalten von Individuen prägt. Soziale Interaktion erzeugt ein gemeinsames Verständnis des Zusammenlebens und erhält es aufrecht.

Der Blick
nach vorne

Erst wenn man sich die sozio-urbanen Dimensionen dieser beiden Ansätze zur Stadttechnologie vergegenwärtigt, lassen sich die Möglichkeitsräume für die Gestaltung der hybriden, kombiniert physisch und digitalen Stadt erkennen. Im durch die Pandemie verursachten Ausnahmezustand und der damit verbundenen explosionshaften Verbreitung digitaler Tools werden mögliche Zukunftsoptionen klarer gezeichnet. Welche Option wollen wir wählen, wenn die Kontaktsperre aufgehoben wird und „der Weg zurück“ zum vermeintlich Normalen wieder frei wird? Die der auf Kontrolle basierenden? Tolerieren wir dafür dann die Überwachung unseres Lebens mit dem Aufzeichnen und Auswerten unserer Bewegungsprofile, Kontakte und Gesundheitszustände?

Wollen wir Monopolunternehmen wie Google mit dessen Mutterkonzern Alphabet und dessen Toronto Sidewalk Labs die Umwandlung unserer Städte in Smart Cities, überlassen? Und was passiert, wenn ein solcher privater Player sich aus der Verantwortung, die „größten urbanen Herausforderungen zu meistern“, zurückzieht, wie es jetzt kürzlich erfolgte? Was waren dafür die Gründe, erwiesen sich Stadt und „urbane Herausforderungen“ besonders komplex und somit die erwartete Verwertung der Daten der Stadtnutzer als zu wenig gewinnbringend?

Mit dem Bewusstsein darüber, wie wichtig Digitalisierung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in diesen Krisenzeiten ist, müssen wir jetzt über mögliche Modelle einer öffentlichen digitalen Grundversorgung mit Einsatz von Open-Source Lösungen nachdenken. Und wir werden uns dringender denn je die Fragen stellen müssen, wem unsere Daten gehören, wer sie für welche Zwecke nutzt und wie deren Anonymisierung sichergestellt werden kann.

Wir haben die Wahl. Denn wir können auch einem Ansatz folgen, der auf dem Dialog der Bürger basiert. Wir könnten Barcelonas‘ prozessorientierten Smart Citizen-Ansatz zur Unterstützung sozialer partizipativer Prozesse folgen, der urbane Innovationen wie die „Superblocks“, mit der Verkehrsberuhigung innerhalb von Clustern von städtischen Blocks, hervorgebracht hat. Dies würde einen problemorientierten Ansatz zur Urbanisierung der Technologie fördern, der sich auf tatsächlich existierende Probleme der Stadtbewohner richtet und den Zielen einer nachhaltigen Stadtentwicklung untergeordnet ist.

Der digitale Wandel wirft viele Fragen auf. Die Urbanisierung der Technologie ist ein dynamischer Prozess, der einer kontinuierlichen Steuerung, Begleitung und Reflexion bedarf. Wie können diese Entwicklungen in der Interaktion von Zivilgesellschaft, Experten und Politik sozial bearbeitet und gesteuert werden?  Was wären dafür gute Formate und wie könnten die entsprechenden ‚Prozess-Räume‘ die Komplexität der physischen Stadtgesellschaft widerspiegeln?

Dabei solle man auch an dem Zugang und an der Teilhabe an die digitalen Sphären auch von nicht digitalaffinen Gesellschaftsgruppen und Schichten denken. Wie wichtig dies ist, ist während der Pandemie deutlich geworden. Ältere, zur Risikogruppe gehörende, Mitbürger, die kaum digitale Fertigkeiten vorweisen konnten, und sozialschwache Familien ohne digitale Infrastruktur hatten keinen Zugang an wichtigen Gesundheits- und Bildungsangeboten und konnten somit am gesellschaftlichen Leben nicht teilnehmen. Wie kann den Anspruch gewährleisten „to leave no one behind“?

Beispielhaft sei hier ein Projekt erwähnt, das ins Leben gerufen wurde, um dauerhaft die lokalen Perspektiven und Erfahrungen der Zivilgesellschaft in die digitale Transformation einzubringen: das Kiez-Lab. Es wurde im im Kontext des Bündnis Digitale Stadt Berlin. Diese Quartiers-Labore sind als niedrigschwellige und inklusive diskursive Formate, eingebettet im städtischen Kontext mit analogen Anlaufstellen in der Nachbarshaft und auch als temporäre Labore in kieztypischen Orten wie beispielsweise Bibliotheken, Krankenhäuser, Altersheime, Schulen oder Parks konzipiert.

Solche in der Stadt eingebettete und die Stadtgesellschaft abbildende Kiez-Labs können kombiniert physische und digitale, also hybride Werkzeuge und Kommunikationsräume sein, um die digitale Transformation zu begleiten. Der Austausch über unsere gemeinsame Zukunft erfordert eine breite gesellschaftliche Debatte mit neuen Formen des hybriden Dialogs zwischen Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Zivilgesellschaft, um gemeinsam sich den Fragen zu stellen: Wie wollen wir zusammenleben und in welchen Städten?

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